Diese Frage wurde mir grade eben gestellt, und bei allen anderen Diskussionen, die es sonst noch gibt, ist das wohl das grösste Problem der Piraten: Der Grossteil der Bevölkerung kennt die Piraten gar nicht. Von daher sind viele Diskussionen total putzig. Aber Thema dieses Posts soll eigentlich was anderes sein. Nach Andreas’ Interview und Jens’ Fragebogen in der Jungen Freiheit ergiesst sich ein merkwürdiger Sturm über die Piraten und infolge dessen über ihre Kritiker.
Zunächst einmal muss man bei aller Fairness sagen, dass Julia Seeliger durchaus auf valide Kritikpunkte hinweist, auch wenn ich es grundsätzlich bedenklich finde, wenn Journalisten als Parteimitglieder in einer Zeitung schreiben. Die taz ist letztendlich aber ein Meinungsblatt, und dort ist Parteimitgliedschaft eben nicht unbedingt unerwünscht (im Gegensatz zu den meisten anderen Blättern). Das hat aber natürlich Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit von Aussagen, die aus diesem Medium kommen. Ich finde aber in jedem Fall, dass die Reaktionen derer, die sich als Piraten oder Piratenunterstützer zeigen, vielfach mehr als unwürdig ist. Diese Art des Umgangs mit Kritikern ist eben nicht piratig, sondern armselig. Zum Glück bin ich damit ganz klar nicht alleine, denn in allen Gesprächen der letzten beiden Tage fanden das alle Piraten, die ich gesprochen habe, genauso unpiratig.
Ob sich Andreas und Jens politisch besonders clever angestellt haben, sei mal dahin gestellt (Andreas hat sich jedenfalls überhaupt nicht angebiedert). Wenn ich aber den ständigen professionellen Umgang erwarten würde, dann wäre ich nicht bei den Piraten, sondern in einer anderen Partei. Professionalität ist aus meiner Sicht der Feind von freier politischer Entwicklung. Klar, wenn diese Bundestagswahl mal vorbei ist, ist ein Wertediskurs bei den Piraten angesagt und auch sicher bitter nötig. Die meisten Leute, die sich so krude äussern, waren bis vor wenigen Wochen politisch praktisch uninteressiert und haben offensichtlich weder eine Ahnung von politischen Realitäten noch von Medien oder Geschichte. Ein grosser Teil der Partei besteht eben vor allem aus “angry young men”. Das kann man ihnen bis zu einem gewissen Punkt auch sicher vorhalten, aber es verfehlt das Ziel.
Warum ich das meine? Nehmen wir zum Beispiel die Genderdiskussion. Den meisten Piraten ist sie vollkommen egal, denn sie verstehen das Problem nicht und haben sich für den Diskurs vermutlich noch nie interessiert. In den Reaktionen muss man aber sehr deutlich unterscheiden: Die Leute, die bei den Piraten in real life mit anderen Piraten und Piratinnen zu tun haben, finden nicht, dass sie da was falsch machen (ich sehe das z.B. in Bonn, wo die Frauen, die dabei sind, einen sehr grossen und positiven Einfluss auf Diskussionen und Aktionen nehmen, ja die Jungs praktisch total fest im Griff haben). Der andere Teil, der sich teilweise offen rassistisch und frauenfeindlich äussert scheint mir genau jener Teil zu sein, der vermutlich nicht mal den Arsch in der Hose hat, Frauen im realen Leben auch nur anzusprechen.
Das es aber in der Vergangenheit einen Diskurs zum Thema gab, der in den letzten Jahrzehnten einen wichtigen und positiven Einfluss auf unsere Gesellschaft hatte, blenden diese Leute, bewusst und gewollt - oder eben auch nicht - aus. Ich persönlich halte nicht viel von Quoten, aber ich erkenne durchaus die bisherigen Leistungen dieses Prinzips an. Bei den Piraten aber kann eine Frau tatsächlich sehr schnell eine Meinungsführerschaft erlangen (und, für den Fall, dass es beispielsweise im Landesverband NRW mal mehr Organe gibt, z.B. durch Gründung von Ortsverbänden, auch sehr leicht einen Posten bekommen, so sie das will). Zu erwarten, dass die Piraten als geschlossene Gruppe dieselben Ziele verfolgen und dieselben Werte besitzen ist ehrlich gesagt auch ganz schön daneben. Die Partei hatte nicht mal die Zeit, sich ausgiebig intern zu reiben (die Aktiven-Liste auf keinen Fall der richtige Ort für sowas). Es wird jedenfalls nichts erreicht, wenn man den Piraten vorhält, sie würden die Genderdiskussion nicht führen. Sie führen auch andere Diskussionen nicht, na und? Die Grünen, die SPD, CDU, die Linke oder die FDP führen viele Diskussionen auch nicht, was ich ehrlich gesagt viel fataler finde, denn diese Parteien regieren das Land. Ich sehe z.B. keinerlei Plan, der dieses Land in das digitale Zeitalter führt. Jede Diskussion um dieses Thema in diesen Parteien ist geprägt von völligem Unwissen, selbst bei denen, die in diesen Parteien als informationstechnische Elite gelten. Wir führen eben erst einmal die Diskussionen, die wir führen wollen und können, und keine, die uns aufgedrückt wird. Das es diese Diskussionen geben wird, daran habe ich keinen Zweifel, aber das wird eben nicht jetzt passieren.
Überhaupt gibt es das Problem, dass es sich in der relativen Anonymität im Netz leicht sagen lässt, man sei Pirat und dann hirnlos drauflos poltert. Aber das heisst weder, dass das Parteilinie entspricht, noch das die pöbelnde Person überhaupt den Piraten nahe steht. Und falls es wirklich Piratenpartei-Mitglieder sind, dann wohl solche, die sich weder in Crews noch anders im realen Leben mit anderen treffen und austauschen. Zumindest widerspricht es meiner Erfahrung mit allen Piraten, die ich in den letzten Monaten kennen gelernt habe, und das sind verdammt viele.
Eine weitere Sache, die ich auch für nötig halte nach der Wahl, ist die politische Bildung unter den Piraten zu verbessern. Wenn die Wahl mal vorbei werden wir zumindest im Bonner Umfeld einiges an Veranstaltungen machen, die vor allem für Piraten wichtig sind. Aber ich möchte auch gerne, dass die Piraten begreifen, was politische Arbeit überhaupt bedeutet, und ich möchte dabei so viele Piraten mitnehmen wie möglich. Eine meiner Strategien dazu ist sehr einfach: Ich möchte gerne, dass die Piraten sich in das politische Umfeld einbringen, das relativ leicht zu erreichen und eigentlich nahe liegend ist, nämlich in die Kommunalpolitik. Sicher werden einige sagen, dass sei weit entfernt von dem, was im Moment Programm ist, denn die meisten der Punkte, bei denen es in der Kommunalpolitik geht, sind genau nicht die Dinge, die so exakt im Parteiprogramm postuliert werden. Aber ich sehe das in sofern anders, als das sich zum einen eine Reihe an Themen praktisch automatisch ergeben (z.B. kommunaler Datenschutz), zum anderen die Piraten als Partei von Technikern und anderen Spezialisten gilt, und das zu Recht (das meint übrigens nicht nur Informatiker, sondern sowohl andere Ingenieursfächer als auch Geisteswissenschaftler - die Partei hat bislang, soweit ich das erkennen kann, nur einen verschwindend geringen Anteil an Mitgliedern aus dem Arbeiter-Milieu). Daraus ergeben sich bei einer Reihe von Fragen, die kommunalpolitisch interessant sind, einige Einflussmöglichkeiten. Beim Treffen der PG Wahlen Bonn vor ein paar Tagen, bei dem es um die Gründung eines AK Kommunalpolitik Bonn ging, sagte z.B. jemand (leider vergessen wer), er wisse vermutlich über Verkehrspolitik mehr als die meisten Rats- und Ausschussmitglieder, da das sein Steckenpferd sei. Ich glaube ihm das unbesehen und es entspricht eben auch meiner Erfahrung aus den Gesprächen der letzten Monate, dass wir in unseren Reihen einen sehr interessanten Pool an Leuten haben.
Aber zurück zum Thema. Wenn jemand, der sich seit Jahre oder Jahrzehnten mit der Staatsgewalt oder mit Nazis auseinander gesetzt hat, hat vermutlich wenig Verständnis für die oft etwas naiv und empfindlich anmutende Gefühlslage, wenn es um rechts-links Debatten, Begriffsdiskurse oder um Festnahmen auf Demonstrationen geht. Für einige, mich eingeschlossen, gehört das zur Lebenserfahrung einfach dazu (gut, ich bin auch schon ein paar Tage älter). Ich habe für diese Naivität durchaus ein gewisses Verständnis, aber sie rechtfertig natürlich nicht jedes Verhalten. Politischer Diskurs ist etwas anderes als ein auf Kraut- oder 4chan zu posten, sich lustig zu machen und den politischen Gegner zu diskreditieren oder mit Schmähmails zuzubomben. Ja, es ist erstmal wilder Protest. Ja, es ist erstmal naheliegend und gleichzeitig unbeholfen und bringt eine gewisse kurzzeitige Befriedigung. Und ja, es bleibt auch erstmal wenig anderes, wenn man kaum in der Lage ist, selbst einen graden Satz zustande zu bringen.
Aber die Stärke der Piraten liegt nicht in Wucht der Schmähung, denn das ist einfach lahm und politisch dumm. Die Stärke liegt darin, diesen Protest kreativ und kraftvoll aus dem Netz in die reale Welt zu tragen, und das geht viel besser (und subversiver) als viele wohl vermuten. Dafür bedarf es keinerlei grosse Demo oder anderer Aktionen. Die Themen sind bei weitem nicht so abstrakt, wie Piratenkritiker das gerne sehen wollen, ganz im Gegenteil. Wer tagelang an Infotischen steht, bekommt eine Menge Fragen nach konkreter Hilfe (bei mir war das meist zum Thema Arbeitnehmer-Datenschutz bzw. -Überwachung). Die Menschen, die weniger technisch versiert sind, sind die, für die wir viel vordenken müssen, denn wir wissen zumindest, wo die Probleme konkret zutage treten und haben die Möglichkeit, dort zu helfen und Einfluss zu nehmen. Pirat zu sein sollte jedenfalls kein Selbstzweck sein, es sollte auch nicht nur einfach hip sein und es sollte vor allem nicht als Freibrief verstanden werden, politisch Andersdenkende brutalstmöglich unterzubuttern.