The Turkey Curse
fukamis terror chatroom

Ich gehe nicht zum Reden in den Wald

Setting Orange, 29th Confusion, 3179.

Ludwig Greven hat bei der Zeit einen Artikel mit dem Titel Wer nicht belauscht werden will, sollte nicht überall reden geschrieben, der mich doch mehr als nur ein wenig irritiert. Er schreibt u.a. folgendes:

Zu glauben, dass die öffentlichen Proteste an der Kontroll- und Datensammelwut der Sicherheitsbehörden daran grundlegend etwas ändern werden, ist weltfremd.

Meint der Autor etwa, es sei besser die Klappe zu halten und diesem gespenstischen Treiben nicht entschlossen entgegen zu treten - und zwar auf allen Ebenen, die in einer demokratischen Gesellschaft zur Verfügung stehen? Wenn es eins gibt, das immer noch wirkt, ist es eine laute und fordernde Öffentlichkeit, die sich nicht von Geheimdiensten, der Polizei, Kriminellen oder Terroristen einschüchtern lässt. Denn wenn das passiert, haben wir ohnehin schon verloren.

Weiter unten schreibt er etwas, was mir schlicht die Sprache verschlägt:

In der DDR gingen Menschen, die sich unbeobachtet von der Stasi unterhalten wollten, in den Wald oder in einen Park und sprachen unter vier Augen miteinander. Wer heute unbeobachtet bleiben möchte, sollte vielleicht nicht im Internet miteinander reden.

Wie bitte? Ich soll zum Reden in den Wald gehen? Wo bin ich denn? Ich habe nicht vor, diesen Staat zu stürzen, sondern mich an demokratischen Diskursen zu beteiligen oder auch gerne mal vertraulich mit meiner Frau, meinen Freunden, meinen Kollegen, meinen Kunden oder meinem Anwalt oder Arzt zu kommunizieren. Kann auch vorkommen, dass ich mal eine Demo mitplane oder ein vertrauensvolles Gespräch oder Mailwechsel mit einem Abgeordneten oder Journalisten habe. Und soviel Wald gibt es auch gar nicht mehr, damit jeder, der das braucht, vertraulich kommunizieren kann.

Es zeugt doch schon von einem echten Problem, wenn ich normale Kommunikation (und das ist so ziemlich alles was ich mache) verschlüsseln muss wie ein Geheimnisträger, nur damit nicht irgend so ein Freak aus VS, BND oder BKA auf den schmalen Trichter kommt, er müsse auf Grund irgendeiner diffusen Bedrohung und falsch interpretierten Zusammenhängen heraus meine intimsten Details kennen. Da macht es auch keinen Unterschied, ob diese Details per Brief, E-Mail, Telefon oder meinen privaten vier Wänden ausgetauscht werden. Diese Kommunikation ist tabu und darf, wenn überhaupt, nur kurzzeitig abgeschnorchelt werden, wenn es dazu einen hinreichenden, strafrechtlich relevanten Anfangsverdacht gibt oder meine Kommunikation ein Problem der nationalen Sicherheit sein sollte.

Wenn ich mal plane, diesen Staat zu stürzen, komme ich vielleicht gerne auf die Idee mit dem Wald zurück. Aber ich bin da sehr weit von entfernt und werde versuchen, mein Recht auf Vertraulichkeit und Intregrität meiner informationstechnischen Systeme durch alle meine bescheidenen Mittel einzufordern.

Ich weiss nicht, wie es anderen geht: Ich werde jedenfalls auch in Zukunft nur in den Wald gehen, um mich zu erholen oder Pilze zu sammeln, aber ganz sicher nicht, um ganz normal privat zu kommunizieren.

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5 Comments »

  1. […] Grevens Artikel hat viele erzürnt, weil er ins Spiel bringt, dass man wie in Diktaturen wieder zum Reden in den Wald soll. Dass man Schutzmaßnahmen ergreifen soll, wenn man privat sein will. Die Kritiker des Artikels wollen nicht wahrhaben, dass es so schlimm ist und versteifen sich stattdessen in Rechtsstaatsfloskeln und Grundvertrauen in die demokratischen Werte. […]

    Pingback by Zum Reden in den Wald | Metronaut.de — Setting Orange, 29th Confusion, 3179. @ 63813

  2. Das Lustige daran: Veschlüsselte Kommunikation macht ja gleich um ein vielfaches verdächtiger, weswegen ja im Rahmen von Prism und Tempora ALLES verschlüsselte erstmal weggespeichert wird, damit es dann später mal entschlüsselt werden kann. Verschlüsseln ist halt auch keine Option.

    Ich bin irgendwie nicht so ganz geschockt von der Situation. Ich rede ja auch in der Bahn oder in der Kneipe nicht über vertrauliche Dinge. Bzw. wenn ich es tue, mit dem Wissen, dass das wer anders mitbekommen kann. Es ist die Frage, ob wir uns damit abfinden können, dass das Netz ein öffentliches Medium ist und zwar ausschließlich.

    Comment by ben_ — Sweetmorn, 30th Confusion, 3179. @ 49218

  3. […] Ich gehe nicht zum Reden in den Wald Replik von @fukami auf diesen Artikel in der Zeit. […]

    Pingback by Lesenswertes 26/06/2013 | Sebastian Booch — Boomtime, 31st Confusion, 3179. @ 29137

  4. Vor allem gibt es eine Skalierung zwischen Redeüber “demokratische” Prozesse und dem Sturz eines Staates. Di Frage ist nur, kann der Staat diese Meinungsbildung (ver(er))tragen?

    Es ist meiner Meinung nach Zeit über eine Demokratie 2.0 zu reden und dabei sollten man Veränderungen diskutieren dürfen, ohne in den Generalverdacht zu kommen, geschweige denn belauscht zu werden.

    Comment by Herr Liebreiz — Setting Orange, 34th Confusion, 3179. @ 61705

  5. Was wäre denn eine Schlussfolgerung aus Worten des Herrn Greven?
    Es gibt Leute, welche auf das Internet angewiesen sind. Diese wollen unbeobachtet sein.
    Es gibt Leute, welche auf das Telefon angewiesen sind. Diese wollen auch unbeobachtet sein.
    Es gibt Leute, die wohnen in der Stadt. Diese wollen auch unbeobachtet sein.

    Nun wird das Internet überwacht. Den Leuten wird geraten nicht das Internet zu nutzen, um unbeobachtet zu sein.
    Nun wird auch das Telefon überwacht, das vergessen einige Leute. Den Leuten wird jetzt geraten nicht das Telefon zu nutzen, um unbeobachtet zu sein?
    Nun können wir fiktiv mal überall Kameras aufstellen in den Städten. Und nun wird den Leute geraten sich nicht in der Stadt aufzuhalten, um unbeobachtet zu sein?

    Viele Leute verstehen nicht, dass sie die Generation Internet, welche auf das Internet angewiesen ist, wie in der DDR fühlt.

    Comment by Martin — Prickle-Prickle, 68th Confusion, 3179. @ 32510

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Of the delights of this world, man cares most for sexual intercouse, yet he has left it out of his heaven.

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