The Turkey Curse
fukamis terror chatroom

Netz-Kolonialismus

Boomtime, 26th Confusion, 3179.

Die geschätzten SZ-Autoren Johannes Kuhn und Johannes Boie haben sich in der dem angenommen, was Kuhn den #Neuland-Aufschrei nennt und Boie mit dem Text Siedler ohne Selbstkritik noch weiter ausführt. Ich habe das Gefühl, dass ich mit Spiesser und Siedler irgendwie gemeint bin, und vielleicht haben sie sogar irgendwie recht. Aber grade weil ich beide schätze, möchte ich ihnen hier etwas ausführlicher antworten.

Informationstechnologie ist selbstverständlich alles andere als Neuland. Sie gehört nicht nur bei ausgesprochenen IT-Unternehmen zum “Kerngeschäft”, sondern ist in so gut wie allen Bereichen der Gesellschaft, des Handels und der Industrie indirekt oder ganz direkt anzutreffen. Diese Entwicklung ist auch keine, die über Nacht über Deutschland und die Welt hereingebrochen ist, sondern schon Jahrzehnte sehr sichtbar stattfindet. Denn wie sonst sind die Entscheidungen und wunderbar treffenden Wortschöpfungen aus Karlsruhe aus den Achtzigern und aktuell zu deuten, die sich Computern und vernetzter Welt annehmen und meiner Ansicht nach von großem Weitblick zeugen.

Die Zahlen zur Nutzung, auf die sich beide Artikeln beziehen, enthalten wenig wirklich erhellendes. Aber gut, in absoluten Zahlen sind es 53,4 Millionen, die das Netz zumindest gelegentlich nutzen, und sind damit erheblich mehr als die, die gelegentlich Zeitungen oder ein Buch lesen, aber das ist ohnehin nicht der wirklich entscheidene Aspekt. Die politische Relevanz müssen wir aber trotzdem Gott sei Dank im Jahr 2013 nicht mehr diskutieren.

Interessant an Merkels Neuland ist denn auch nicht der Begriff, sondern die Mär davon, dass es irgendwelche ganz neuen und vollkommen anderen Bedrohungen gibt. Diese Bedrohungen sind dieselben, die es auch schon früher gab. Die Konzentration auf den Begriff verstellt die aber die Sicht auf das, was sie eigentlich sogar recht unverblümt zum Ausdruck gebracht hat.

Industriespionage, Betrug, Erpressung, Angriffe auf datenverarbeitende Systeme oder Fragen zum Datenschutz bringen mitnichten neue Herausforderungen, es sind dieselben wie “früher”, lange vor 9/11. Terrorismus ist demnach auch kein neues Thema und sollte in der Betrachtung, wenn es denn darum in einer Zivilgesellschaft überhaupt gehen sollte, nur am Rande in diesem Zusammenhang gesehen werden. Er mag sogar als Argument dienen, vielleicht kurzfristig und unter sehr strengen Auflagen über die Grenzen des demokratisch Erlaubten Bürger zu Überwachen und zu rastern. Krass ist dabei aber nicht zuletzt, wie dies z.B. im Lichte von Cyberwar- oder Cyerbterrorismus-Bullshit geschieht und praktisch nicht zuletzt durch staatliche und Staaten nahestehenden Personen, Gruppen oder auch Firmen hervorrufen wird, die sie selbst ermächtigen.

Das Netz kennt natürlich auch, anders als Kuhn sagt, Grenzen. Zumindest wenn mit dieser Grenzenlosigkeit das Fehlen territorialer Schranken und Regeln gemeint ist, so ist eine Nutzung in einem Netz wie dem chinesischen oder iranischen sicher ein guter Datenreisetipp für zwischendurch, um unterschiedliche Grenzen sehr anschaulich zu erfahren. Diese Grenzen unterscheiden sich nur noch marginal von “realen Grenzen”: Die Entwicklung ist unübersehbar, dass jede Regierung und jede internationale Organisation, die etwas aus sich hält, Einfluss auf das Netz nehmen will und sich bei Gelegenheit auch einfach nimmt, sei es mit legislativer, ökonomischer oder digitaler Gewalt. Und dass schliesslich die Armeen dieses Planeten vor allem zivile Infrastruktur bei ihren Angriffsplanungen im Auge haben, sollte auch im Netz nicht wirklich überraschen, sondern eher die Empörung hervorrufen, die diese Denkweise ganz grundsätzlich verdient und in zivilem Kontext auf sinnvolle Art nur rein defensiv betrachtet werden kann.

Dass sich die Menschen, die Boie Siedler nennt, nicht darum kümmern würden, was die Neulinge tun oder denken, halte ich für eine gewagte These: Eine Veranstaltungen wie z.B. der Chaos Communication Congress jährt sich dieses Jahr zum dreizigsten Mal. Auch die re:publica und unzähle weitere Events mit etwas weniger technischem Fokus sind schon eine Weile am Start - um einige wenige jener Peergroups zu erwähnen, bei denen es um die jeweils aktuellen politischen und technischen Entwicklungen auf meist hohem Niveau geht. Die Veranstaltungen verbindet eine offene Diskussion darüber, welchen Einfluss Technik auf Gesellschaft ausübt. Und ich fange da nicht mal an über einzelne Leute zu reden wie die, die hinter netzpolitik.org stehen oder viele, viele andere, die sich gefühlt seit Äonen die Finger wund tippen und mittlerweile längst zu “Told you so”-Zynikern geworden sind.

Zugegeben: Eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer sollte schon mal einen Computer benutzt haben, sonst wirken ziemlich viele Vorträge und Workshops dort kaum anders als klingonisch. Aber diese Veranstaltungen sind offen, und die Menschen, die dort anzutreffen sind, zeichnen sich durch einige besondere Eigenschaften aus: Die Lust daran, Erkenntnisse zu teilen, alle möglichen Fragen zu diskutieren und sogar, wenn möglich, zu beantworten, gemeinsame Pläne zu schmieden oder Software benutzbar oder einfach besser zu machen, kurz: Werkzeuge zu schaffen.

Aber hört da irgendwer von den Leuten hin, die “das Netz” als fernes Land betrachten, also jene, die der Meinung sind, es kontrollieren und zerstören zu müssen um irgendwas (ja, was eigentlich? Demokratische Kontrolle ist es jedenfalls nicht) zu erhalten - ohne sich überhaupt die Mühe zu machen zu verstehen, was da grade im Detail eigentlich passiert?

Nun gut, vermutlich verstehen sie es in Ansätzen sogar mittlerweile irgendwie und haben Probleme, weil das, was da passiert, eine Öffentlichkeit darstellt, vor der sich offensichtlich nur noch sehr wenige Dinge so wie früher verstecken lassen. Dinge, über die wir selbstverständlich Bescheid wissen müssen, um überhaupt entscheiden zu können, ob wir sie so wollen.

Die Gruppen und Gäste, die hinter diesen Events stehen, sind indirekt oder direkt damit beschäftigt, die Exekutive mit Druckmitteln wie Informationsfreiheits- und Transparenzgesetzen dazu zu bringen, offen mit Fakten umzugehen oder wenn das nicht reicht, die Informationen selbst öffentlich zu machen.

Aber es müssen tatsächlich auch noch bessere Übersetzungsleistungen her: Selbst wenn ich überaus wohlwollend die Entwicklungen in der deutschen Presselandschaft wahrnehme, digitale Herausforderungen überhaupt mal anders als polemisch zu betrachten, so ist immer noch deutlich zu erkennen, dass die Digital-Ressorts innerhalb der Redaktionen unter einer Art Exotenmalus leiden. Besonders krass zeigt sich das in der Tat bei den Diskussionen wie zum von Boie erwähnten, völlig sinnbefreiten Leistungsschutzrecht für Presseverlage. Was muss da eigentlich noch passieren?

Eine Gesellschaft, die wie unsere von funktionierender Technik wie Computern und Vernetzung elementar abhängig ist, sollte sich im Klaren sein, dass es nicht reicht, wenn ihre parlamentarischen Vertreter das Twittern für sich entdecken und dann wie einen Popanz vor sich her tragen (oder sich dem gezielt widersetzen, was genauso plemplem ist). Unsere Gegenwart und Zukunft ist digital. Und das erzwingt eine Ehrlichkeit und Offenheit, die sich nur noch unter Verlusten elementarer, gesellschaftlicher Grundwerte verhindern lässt.

Themen wie offener Umgang mit Unsicherheit, Überlegungen zur Haftung bei Soft- und Hardwarefehlern oder Verschärfung von Datenschutzregelungen im sicherheitrevelanten Kontext, kartellrechtliche Fragen und Wirtschaftförderung, wenn es um Markt und Wettbewerb geht, Fragen sozialer Umverteilung, Werkzeuge zur besseren Partizipation oder Kontrolle und Schranken beim gespenstischen Treiben von Geheimdiensten, ja selbst Netzneutralität - alles nicht neu, sondern genau die Themen, an denen sich unsere Gesellschaft schon sehr lange auf die eine oder andere Art abarbeitet und wo Antworten leider immer wieder gleich und einseitig erscheinen. Der Kontext hat sich nicht einmal wirklich verschoben: Politik, die auf diffuser Befindlichkeit und Angst basiert, war und ist schlecht beratene Politik.

Gleichzeitig erleben wir an vielen Stellen, dass aus Stärken Schwächen werden. Denn wenn es etwas gibt, was ein echter Exportschlager ist, dann ist es deutsches Ingenieurswesen, übertrieben vielleicht mit einer Floskel wie “Keine Funktion ohne Sicherheit” auf den Punkt gebracht, das einer Denkweise entspringt, die wir glücklicherweise vielerorts verinnerlicht haben und sich letztendlich auch in grade schon erwähnten verfassungsrechtlichen Begriffsmustern widerspiegelt. Ich finde es dann auch bezeichnend, dass sich in der PRISM-Affäre ein Kommentator der New York Times wünscht, die Deutschen mögen doch bitte etwas für Datenschutz auf diesem Planeten tun. Sicherheit meint in dem Kontext nämlich überhaupt nicht, Freiheitsrechte unter Sicherheitsgesetzen zu begraben, die jeden und alles unter Generalverdacht stellen, sondern reale Bedrohungsszenarien und die entscheidenen Fragen dazu anhand der gesellschaftlichen Kosten rational zu diskutieren und zu entscheiden. Neuland ist in dem Kontext einfach ein vollkommen irrationaler Begriff, denn dies ist genau der Kern jeder gesellschaftlichen Aushandlung. Diese Aushandlung findet aber gar nicht mit der Zivilgesellschaft statt.

Die verbale Rechtfertigung für entgrenzte Überwachung, die die Kanzlerin und viele Innen- und Sicherheitspolitiker anstimmen (denn so und nicht anders sehe ich ihre Aussagen), klingt in meinen Ohren wie purer Kolonialismus. Und sie rechtfertigt sehenden Auges, die Zivilgesellschaft zur Geisel zu machen und Stück für Stück in eine militärische Kampfzone, in einem nicht erklärten Krieg gegen die eigene Bevölkerung zu machen, einer Bevölkerung, der bis auf das Mark misstraut wird - einfach weil es extrem leicht fällt, diese Technik an sich als asynchrone Bedrohung zu betrachten. Es passiert also genau das, was bei genauerem Hinsehen einfach nur ganz furchtbar dumm und gefährlich ist. Denn diese “neue Bedrohung” ist vor allem eins: Gefühlt, und sie verleitet zu offensichtlich irrationalem Verhalten und zusehens zu immer stärkerer Machtverschiebung. Sie ist aber im Kern nur Ausdruck von Veränderungen, die mindestens seit Erfindung des Feuers oder des Rades, also von jeher, durch Technik ausgelöst wird.

Ich kenne nicht wenige Akteure, die einfach nach ein, zwei oder gar drei Dekaden die Lust verloren haben, immer und immer wieder zu erklären, dass eine computergestützte, vernetzte Technik sich sehr leicht in sehr repressive Werkzeuge verwandelt - also eben das was mit “Technik hilft vor allem dem Stärkeren” am Besten umschrieben werden kann. Und was gibt es in einem Staatsgebilde stärkeres als Polizei, Geheimdienste und das Militär, denen dazu auch noch die quasi unkontrollierte Macht über die Frage zugestanden wird, welches Verhalten als verdächtig oder problematisch definiert wird? Und dieser Dreiklang ist es auch, der das Ganze so überaus problematisch macht, wenn nicht mal mehr richtige Trennungsgebote existieren.

Wir waren da schon mal viel weiter, denn echte Gewaltenteilung sollte als Errungenschaft einer modernen, vitalen und selbstbewussten Demokratie verstanden werden. Ich habe aber auch mittlerweile vollstes Verständnis für jeden, der es ablehnt an Anhörungen teilzunehmen, die zu reinem Mummenschanz verkommen, und dann lieber Richtung Karlsruhe oder Luxemburg zieht.

Wenn es jedenfalls etwas Neues in Neuland gibt, so ist es nur diese eine Sache: Wie muss der Diskurs der Exekutive mit der zivilen Gesellschaft neu justiert werden - und das schliesst selbstverständlich die Diskussionen ein wie die darüber, wie Kontrolle über die Überwachung unseres Verhaltens gestaltet sein muss und ob wir diese Überwachung überhaupt brauchen. Neuland ist nicht Bastaland und sollte auch nicht unser Ziel sein.

Alle anderen Diskussionen, die aus der Neuland-Meme entstehen, sind glaube ich vergleichsweise uninteressant. Denn diese Meme zeigt höchstens eins: Die ausserordentliche Verzweiflung, die eine Reihe von Menschen seit Jahren, ja teilweise seit Jahrzehnten erleben. Oder anders: Das, was Merkel als Neuland bezeichnet, sehe nicht nur ich als das Neuland, das ein Maß an Kontrolle definiert, die einem seltsamen, demokratischen Grundverständnis entspringt.

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1 Comment »

  1. […] Netz-Kolonialismus Toller Artikel von @fukami zur #Neuland Debatte […]

    Pingback by Lesenswertes 24/06/2013 | Sebastian Booch — Setting Orange, 29th Confusion, 3179. @ 30221

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