The Turkey Curse
fukamis terror chatroom

Hunde und Katzen essen‎

Prickle-Prickle, 66th Discord, 3179.

Letzte Woche war ich seit langer Zeit mal wieder unterwegs im Rheinland (z.B. zur Vorbereitung der [SIGINT](http://sigint.ccc.de “SIGINT”), verschiedene Treffen im Kontext des [Transparenzgesetzes NRW](http://www.nrw-blickt-durch.de/ “Transparenzinitiative NRW blickt durch”), HV der [Drosselkom](https://digitalegesellschaft.de/2013/05/demonstration-fur-den-schutz-der-netzneutralitat-updates/ “Demonstration für den Schutz der Netzneutralität”) u.a.), und es gab dabei eine Reihe seltsamer Eindrücke, über die sich gar nicht so einfach schreiben lässt. Einige Sachen muss ich dennoch loswerden, auch wenn sie missverständlich oder gar als Angriff ankommen mögen, als das sie nicht gemeint sind.

Im NRW-Landtag in Düsseldorf fand auf Einladung der Landesregierung die Veranstaltung [Zukunftsforum “Digitale Bürgerbeteiligung” - Open Government und Open Parliament in NRW](http://www.nrw.de/opennrw/opennrw-1/‎ “#opennrw”) statt. Um es gleich klar machen: Ich fand die Veranstaltung im Kern ganz gut und weiss durchaus sehr zu schätzen, was die Landtagsverwaltung NRW auf die Beine gestellt hat. Allerdings hoffe ich, dass bei weiteren Veranstaltungen dieser oder ähnlicher Art die Organisatoren im Detail etwas mehr Fingerspitzengefühl, Humor und Mut entwickeln. Meines Erachtens entspräche das Format wohl eher einem klassischen Barcamp, das etwas mehr Spontanität zugelassen hätte. Trotzdem muss ich sagen, dass ich es als sehr viel offener empfunden habe als erwartet.

Aber wie schon angedeutet gibt es einige Anmerkungen, die ich mir einfach nicht verkneifen kann.

Das [Programm](http://www.nrw.de/opennrw/veranstaltung-1/das-programm.html “Programm #opennrw”) startete mit den Eröffnungsreden von Landtagspräsidentin Carina Gödecke und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Danach ging es direkt weiter mit dem ersten Panel — und was für einem: Dort standen 10 (in Worten zehn) Männer in gleichem Aufzug einer (in Worten: einer) Frau gegenüber. Diese Frau wurde zudem mit den Worten begrüßt: “Nun kommen wir zu unserer einzigen Frau in der Runde. Dafür hat sie aber einen schönen Namen”. Hier ein Screenshot von diesem Teil der Veranstaltung, der durchaus etwas ikonenhaftes hat wie ich finde.

Eröffnungspanel #opennrw

Anmerkung: Der Screenshot ist von dem [Video des Panels](http://www.nrw.de/opennrw/veranstaltung-1/videos-der-auftakt-und-abschlussdiskussion.html “Video Panel 1 bei #opennrw”). Ein anderes Foto besserer Qualität, dass ich auf Grund der Lizenz nicht einbinden kann, findet sich bei Flickr.

SRSLY? Im Jahre 2013 findet ein Event zum Thema “Digitale Bürgerbeteiligung” statt und die Veranstalter stellen dort allen Ernstes 10 Kerle und eine Frau auf die Bühne? Das ist irgendwie etwas zuviel Postgender für meinen Geschmack, und überhaupt: Dass eine Veranstaltung zu so einem Thema sogar einen geringeren Frauenanteil aufweist als die üblichen Nerdkonferenzen oder ein durchschnittlicher Parteitag der Piratenpartei, sollte sehr zu denken geben.

Bemerkenswert war auf dem Panel übrigens Innenminister Jäger (dritter von links auf obigem Bild) mit dem Spruch “Ich finde, Open Government hat nichts damit zu tun, dem Bürger terabyteweise Daten zuzuschieben”. Doch, lieber Herr Jäger, genau das hat es. Dass der zuletzt durch seinen besonderen Einsatz für die [Bestandsdatenauskunft](http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/nrw-beschwor-horrorszenarien-fuer-bestandsdatenauskunft-a-899421.html “Bestandsdatenauskunft”) und auch sonst nicht grade als Freund bürgerrechtsfreundlicher Politik bekannte SPD-Minister solche Sachen auf einem Event dieser Art von sich gibt ist schon irgendwie bitter, zeigt es doch, wie wenig ihn das Thema ganz offensichtlich interessiert, sonst hätte er mitbekommen, worum es geht. Sehr schräg war dann auch, dass auf dem Panel über Mails von Mitarbeitern diskutiert wurde, die echt niemanden interessieren, denn darum geht es in der Debatte um Offene Daten nicht und ging es auch nie, aber total vom Wesentlichen ablenken.

Im Vorfeld der Veranstaltung wurde der Hashtag [#opennrw](https://twitter.com/search?q=%23opennrw&src=typd “Suche nach Hashtag #opennrw bei Twitter”) für Twitter öffentlich auf den entsprechenden Seite verkündet und sogar Broschüren damit gedruckt, woraufhin [jemand](https://twitter.com/Marudor/status/335293494950236161 “Marudor findet da sind zu wenig Katzen”) ein kleines Script geschrieben hat, das Katzenbilder von Google geholt und mit dem entsprechenden Hashtag versehen konstant auf Twitter postete.

Auf dem Event wurde zur Eröffnung verkündet, der Hashtag werde nun auf #opennrw13 geändert und sogleich bekam ich hinter mir ein Telefonat mit, in dem die Worte fielen “Hey, die haben den Hashtag geändert. Hol die Katzen raus!” - wohl in Anlehnung an “Bring out the KRAKEN”.

Cat Attack auf #opennrw und #opennrw13

Symbolbild: [Anhaltender Cyberangriff von Katz3n auf #opennrw und #opennrw13](https://twitter.com/CatsForNRW/status/335751686968709121 “Katzenangriff”)

Es gab auf dem Event natürlich auch wenig überraschend “Twitterwalls”, bei denen irgendwann “katzen” und “katz3n” gefiltert wurden:

#opennrw ohne katzen

OpenNRW nur ohne Katzen: [Im Landtag NRW gibt es offensichtlich eine gewisse Katzenfeindlichkeit](https://twitter.com/fukami/status/335399776185102337 “Tweet: Im Landtag NRW gibt es offensichtlich eine gewisse Katzenfeindlichkeit”)

Für mich bringt das prinzipielle Defizite im Umgang mit digitaler Öffentlichkeit sehr gut auf den Punkt, und nicht zuletzt das war ja wohl auch Sinn der Übung wie ich das einschätze. Zumindest aber die Landeszentrale für politische Bildung NRW scheint es mit Humor genommen zu haben und [twitterte](https://twitter.com/LZpBNRW/status/335308184690520065 “Tweet der Landeszentrale für politische Bildung NRW”) “Kann einer mal die katze füttern!”. Es sollte tatsächlich einfach als das betrachtet werden, was es ist: Ein vielleicht etwas schräges, aber durchaus herzliches und freundliches Willkommen, ein “wir werden noch viel Spass haben, wenn ihr ein wenig den Stock aus dem Hintern nehmt” und eine Einladung, weiter auf Augenhöhe miteinander zu reden (ja, auch auf Augenhöhe der Katzen, aber den Witz kann keiner kapieren, der nicht in einer konkreten Situation dabei war ^^).

Aber ehrlich: Ich vermute, dass daraus die falschen Schlüsse gezogen werden — was sich ja schon daran zeigt, dass Urheber dieser Aktion anwesend waren (nein, ich war das nicht!), aber weder IRL noch auf Twitter wirklich eine direkte Ansprache stattfand, auf die diese ganz sicher reagiert hätten. Denn das war (und ist) kein anonymer Porno-, Malware- oder Linkspam, sondern freundlich dreinblickende Katzen (und, zugegeben, das eine oder andere Pony, das sich dort eingeschlichen zu haben scheint).

Zum Abschluss gab es — Tusch — ein weiteres Panel, dieses Mal mit nur fünf Männern und einer Frau. Schade eigentlich, waren die Workshops im Laufe des Tages doch meist von gutem Niveau, und dieses Panel war für den Abschluss zu schwach.

Auch wenn das jetzt etwas merkwürdig rüberkommen mag, dass ich eine Kritik ausgerechnet an der einzigen Frau in der Gruppe richte, muss ich sie dennoch loswerden.

Einmal mehr irritierte mich das Gov2.0-Netzwerk: Deren Vertreterin auf dem Panel ist nicht nur im Vorstand des Vereins, sondern auch Mitarbeiterin bei [Dataport](http://de.wikipedia.org/wiki/Dataport “Die Wikipedia über Dataport”), dem Dienstleister der Verwaltungen in den Nordländern. Sie betonte zwar in der Vergangenheit mir gegenüber schon öfter, dort nur als Pressesprecherin zu arbeiten und bezeichnet sich als Journalistin (ich definiere das Wesen dieses Begriff anders, aber das nur am Rande). Angaben zu diesem Engagement findet sich aber weder auf der Webseite der Veranstaltung, noch wurde darauf bei dem Panel hingewiesen. Das wirkt ähnlich wie bei dem Blogpost [Die GovData-Entrüstung…ein Bärendienst?](http://www.gov20.de/die-govdata-entrustung-ein-barendienst/ “Die GovData-Entrüstung…ein Bärendienst?”) damals, bei der der Autor der Kritik an der unabhängige Open Data/Open Government-Szene ebenfalls “vergaß” klarzustellen, was sein persönlicher Kontext ist und wie es in solchen Fällen üblich sein sollte: Er ist NTO (National Technology Officer) bei [Microsoft](http://www.microsoft.com/de-de/news/pressemitteilung.aspx?id=533381 “Pressemitteilung von Microsoft zu Thomas Langkabel”) und war ehemals bei CSC, die — Funfact am Rande und totally unrelated — jetzt grade einen [Funktionstest des Staatstrojaner](https://netzpolitik.org/2013/bundeskriminalamt-bestatigt-anschaffung-von-staatstrojaner-gamma-finfisher-wir-haben-die-software/ “Netzpolitik zum Staatstrojaner”) durchführen soll. Einen NGO als einzige Referenz zu benutzen, während man gleichzeitig in Unternehmen arbeitet, die in dem Bereich tätig sind, den man vertritt, ist mehr nur ein bisschen bemerkenswert und hatte ich auch schon während meines [re:publica-Vortrages](http://re-publica.de/en/sessions/maschinenlesbare-regierung-eine-kritische-analyse-zur-gegenwart-open-data-und-open-govermen “Vortrag zur re:publica”) mit Lorenz thematisiert.

Grade innerhalb dieser Szenerie, die sich der Öffnung politischer und verfahrenstechnischer Prozesse verschrieben hat, ist Transparenz von ganz besonderer Bedeutung — auch wenn das die Beteiligten ganz anders sehen und sich z.B. bei Facebook im Nachgang des erwähnten Blogposts darüber mokieren, diese Klarstellungen empfänden sie als störend (Sorry, ich habe keinen Facebook-Account mehr um darauf zu verlinken). Die Entscheidung und Bewertung darüber obliegt ihnen meiner Ansicht nach aber gar nicht (was ich auch schon öfter betont habe). Wenn sie also über den vielbeschworenen “Kulturwandel” reden wollen, ist das eben auch ein Teil dieser neuen Kultur: Klare Ansagen bei möglichen Interessenskonflikten, wie sie ganz offensichtlich existieren. Die ergeben sich automatisch durch Arbeitsverträge, und schränken die Kritikfähigkeit und -möglichkeit ganz erheblich ein. Das zeigt sich dann ja auch in eher nichtssagenden Statements auf diesem Panel, wo es durchaus noch einiges zu sagen gegeben hätte. Es sei aber auch noch einmal klar gestellt, dass es nicht als fachliche Kritik gemeint ist, und ich halte die Personen durchaus für kompetent.

Im [Chaosdorf](http://chaosdorf.de “Chaosdorf - CCC Düsseldorf e.V.”) wurde der Abend beendet mit “Freitagsfoo” genannten Kurzvorträgen zu ZFS (passend im Zusammenhang der “terabyteweisen Daten”), Arbeitsschutz, DNS, Ideen für eigene Verschlüsselung sowie anschliessendem Konsum von [Barbarella](https://de.wikipedia.org/wiki/Barbarella_(Film) “Barbarella”) und Sachen wie [Smells Like Humppa](http://www.youtube.com/watch?v=r9YyaknVx_o “Smells Like Humppa”) von Eläkeläiset, was speziell an diesem Tag ganz besonders gut zum Ausdruck gebracht hat, wie ich einiges an diesem Tag empfunden habe.

Als ich dann irgendwann spät nachts nach “opennrw” bei Google gesucht habe, bekam ich als Antwort folgende Seite, dessen Werbeblock an Ende der Seite mich zu dem Titel des Textes inspirierte und mich praktisch dazu zwang, das Ganze kurz niederzuschreiben. Es ist meines Erachtens wichtig sich klar zu machen, was öffentlicher Raum im Netz momentan bedeutet und wie weit das von dem entfernt ist, was es sein sollte. Oder wie ich in meiner [Kirchentagsrede](http://dinge.fukami.io/rede-dekt-fiug-2013.html “Rede zum Kirchentag 2013″) sagte: “Der öffentliche Raum, über den wir hier reden, ist eher mit einem Kaufhaus zu vergleichen, in dem wir uns treffen und austauschen. Niemand würde das in der Realität ernsthaft als öffentlichen Raum in dem Sinne begreifen, wie wir ihn sonst ganz selbstverständlich wahrnehmen, sondern als das was es ist: Ein privater Raum mit öffentlicher Begängnis”. So verwundert es eben auch nicht, womit der Begriff “OpenNRW” aus Sicht der Werbenden zusammenhängt.

Hunde und Katzen essen!

Mal davon abgesehen, dass ich gelernt habe, in Schweiz sei es völlig normal, Hunde und Katzen zu essen: Erlebnisse an Tagen wie diesen sind es, warum ich dieses Internet einfach von ganzem Herzen liebe!

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2 Comments »

  1. […] Update: Die Konferenz ist vorbei, und in der Community scheint die Resonanz einigermaßen wohlwollend zu sein, vgl. im Bericht bei heise.de, den Blog-Eintrag von Kirsten Westphal, oder die Zusammenfassung der Transparenzaktivisten von nrw-blickt-durch.de. Ein wenig anders sieht das in den Notizen des Open Data-Hardliner fukami aus. […]

    Pingback by #opennrw13 – Konferenz im Landtag | Internet und Politik — Setting Orange, 67th Discord, 3179. @ 81921

  2. Ich finde ja, dass der Fokus viel zu sehr auf Hauskatzen lag und beschwere mich daher in einem relativ weit unrelatierten Blog, dessen Kommentare vom Scriptauthor eh nicht mehr gelesen werden.

    Comment by feuerrot — Sweetmorn, 68th Discord, 3179. @ 46795

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"I am chaos. I am the substance from which your artists and scientists build rhythms. I am the spirit with which your children and clowns laugh in happy anarchy. I am chaos. I am alive, and I tell you that you are free." - Eris, Goddess of Chaos, Discord & Confusion.

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