The Turkey Curse
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Zu Konrad Lischkas Betrachtung der “Contentmafia”-Feinde

Sweetmorn, 41st Chaos, 3178.

Der von mir sehr geschätzte Konrad Lischka hat bei Spiegel Online den Text Die Feinde der “Contentmafia” sind Heuchler veröffentlicht, dem ich gerne meine Sicht entgegen setzen würde.

Zum Geleit: Ich gelte im Allgemeinen als Vertreter jener, die eine sehr kritische Meinung zur Konstruktion des “geistigen Eigentum” haben und habe zudem eine eher kapitalismuskritische Haltung - bin insofern wohl auch gar nicht wirklich als Empfänger seines Textes gedacht. Diese Replik will ich aber nicht zum Gegenstand einer politiktheoretischen Diskussion machen, weil es ohnehin zu nichts führt. Ich will eher versuchen, die sachlichen Argumente zu hinterfragen, die ich sehe.

Konrad wirft den Kritikern von SOPA und anderer Abkommen dieser Art vor, sie betrachten die Diskussion sehr einseitig. Dem kann ich, als Konsument und politisch denkender und handelnder Mensch, nur entgegnen: Ich zahle für virtuelle Güter und MMORPGs, kaufe Musik, Apps, Texte und bin sehr froh darüber, dass es mittlerweile überhaupt einigermaßen nutzbare Angebote gibt, die mich in die Lage versetzen, für Werke auch im Internet zu bezahlen. Trotzdem bin auch ich ein Kritiker von SOPA, PIPA und wie sie nicht alle heißen. Ich bin schlicht nicht bereit, meine Freiheitsrechte gegen Partikularinteressen verhandeln zu lassen. Auch Konrad wird nicht verleugnen können, dass diese Abkommen einen nicht zu unterschätzenen Einfluss auf Gegenwart und Zukunft des Netzes hätten, sollten sie in der Form durchgesetzt werden. Diese Vorhaben sehen sehr weitgehende Eingriffe vor, und grade einem Journalisten seines Formates sollte das auch klar (und ist es selbstverständlich auch, wie unschwer an seinen Texten zu sehen ist).

Im Weiteren geht Konrad auf die Stellung des Urhebers in einer kapitalistischen Gesellschaft ein, und ich kann dem kann man sicher zustimmen: Es geht hier in erster Linie um ein Schutzrecht, damit der Urheber die Möglichkeit hat, aus seinem Werk auch leben zu können. Und es ist für mich auch vollkommen klar, dass nicht jeder Urheber in gleicher Weise von den Werken leben kann: Es ist Quatsch, die schreibende Zunft dazu zu bringen, ihren Lebensunterhalt durch die Rezitation ihrer Texte verdienen zu lassen, und nicht jedem Musikschaffenden ist es gegeben, die Musik auch aufführen zu können oder zu wollen. Danach aber kommen Statements, die ich kritisch finde, weil Konrad einige wie ich finde sehr wichtige Details, bewusst oder unbewusst, vernachlässigt.

So kommt er zu einer Kritik an Modellen wie der Kulturflatrate. Die Kritik bezieht sich, wenn ich das richtig verstanden habe, vor allem darauf, dass dabei nicht alle Fälle berücksichtigt werden. Das ist richtig, aber meiner Meinung nach begeht Konrad den Kardinalsfehler, Einzelfälle in der Diskussion zur Norm zu erheben.

Auch in der analogen Welt gibt es seit Jahrzehnten ein Pauschalvergütungssystem. Hintergrund ist dabei, dass es auch dort schon allein aus technischer Sicht praktisch unmöglich ist, eine nutzungsgenaue Gebühr zu erheben. Hierbei gibt es die Kritik, die sich z.B. auf die Verteilungsschlüssel etwa der GEMA bezieht, die E-Musik unangemessen der U-Musik gegenüber bevorzugt. Aber auch die Art der Bindung der Künstler an die GEMA wird kritisiert, wie beispielsweise von John Hendrik Weitzmann in seinem Artikel Doppelt Überkreuz: Die GEMA und Creative Commons bei iRights.info genauer ausführt. Wie das bei der VG Wort aussieht kann ich allerdings nicht so genau einschätzen, weil ich mich damit bislang nicht beschäftigt habe, und Menschen, die von professionellen Texten leben, ohnehin nochmal einen wie ich finde sehr speziellen Fall darstellen. Ohnehin ist die Diskussion schwierig, wenn nicht differenziert wird, über welche Werke man redet. Anyways, die Bewertung dieser Punkte zumindest in Bezug auf die GEMA ist jedenfalls, je nach Betroffenen, sehr unterschiedlich - nicht zuletzt wohl danach ausgerichtet, ob und wie davon profitiert wird oder eben nicht.

Die Idee, eine Pauschalabgabe in Form einer Kulturflatrate oder Kulturwertmark für das Netz zu gestalten, folgt einem sehr ähnlichen Ansatz wie dem der Pauschalabgaben in der analogen Welt - hundertprozentig gerecht wird es aber auch hier nicht zugehen. Es gibt viele Spezial- und Einzelfälle, in denen so ein System keine wesentliche Verbesserung herbeiführen kann, was auch genauer diskutiert werden muss. Für einen großen (den größten?) Teil der Fälle scheint mir jedoch so eine Regelung ein Ansatz zu sein, zwei wichtige Grundanforderungen für ein modernes Urheberrecht in der digitalen Welt zu erfüllen: Bürgerrechtsschonend zu sein und eine Ausgleichsleistung für Urheber zu schaffen. Ich sehe ansonsten nur Ideen, die wahlweise Urheber über den Tisch ziehen oder einen nicht akzeptablen Eingriff in die Freiheit vollziehen.

An einigen Stellen überholt die Realität existierende Geschäftsmodelle aber bereits unsere Diskussion: Wie ich mit etwas Erstaunen festgestellt habe, zahlt Apple scheinbar den Rechteinhabern der Musik, die bei Match aus der Cloud geladen wurden, einen Pauschalbetrag, der zwar nicht hoch sein kann, ich aber doch an einem Punkt bemerkenswert finde: Auf diese Art und Weise legalisiert der Nutzer praktisch seine aus Tauschbörsen gezogenen Titel und der Urheber bekommt noch was von einem Kuchen ab, von dem er sonst gar nichts bekommen hätte. Wenn man mich fragt sieht mir das nach einer, oberflächlich betrachtet, funktionierenden Kulturflatrate-Variante aus, auch wenn ausschließlich auf Musik bezogen und von einem mächtigen, kommerziellen Player aufgezogen. Ich muss hier aber zugegebermaßen noch selbst mal genauer überlegen, welche Implikationen das eigentlich genau hat.

Wenn es in der Diskussion aber so weitergeht wie bisher, halte ich es für nicht unrealistisch, dass es auf eine technische Hochrüstung hinausläft, die Urheber langfristig betrachtet eher verlieren werden. Denn am Ende würde das auf sowas Krypto- bzw. Protokollverbote oder ähnliches hinauslaufen, will man effektiv den Tausch virtueller Güter unterbinden. “Das Netz” wird technisch betrachtet, wie man so schön sagt, Eingriffe in die Infrastruktur als Unfall behandeln und einfach drum herum routen - durch neue Protokolle oder kreative Anwendung bereits existierender.

Was mich hingegen etwas ärgert ist, dass wieder einmal eine Kritik an Kritikern des aktuellen Urheberrechts geäussert wird, ohne selbst Modelle vorzuschlagen. Heisst das denn in der Konsequenz, dass die aktuelle Situation so gut ist wie sie ist? Wozu dann SOPA und ähnliche Ansätze? Wenn nicht, wo bleiben die konkreten Vorschläge, um einer veränderten Welt der veränderten Form der Werkverbreitung Rechung zu tragen?

Gut, Konrad hat auch einen sehr speziellen Blickwinkel in diesem Text eingenommen, so dass ihm gar kein Vorwurf zu machen ist. Dennoch wäre es für die Diskussion wesentlich zielführender, wenn grade auch Leute wie z.B. die Netzwelt-Crowd, die den Kern der Problematik nicht nur im Ansatz verstehen, an praktikablen und einigermassen gerechten, ausgleichenden Lösungen mitarbeiten würden.

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