The Turkey Curse
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Piraten, Fairness und der politische Diskurs

Boomtime, 48th Bureaucracy, 3175.

Die letzten Tage gab es immer mal wieder zurecht die Diskussion, wie fair sich die Piraten verhalten. Gegenüber ihren Kritikern aus der Presse und in Blogs ist das, was da teilweise passiert, aus meiner Sicht nicht unfair, sondern vor allem erst einmal dumm und unwürdig. Etwas anderes ist es aber, wenn es um den Umgang mit vielen Politikern geht. Auch diese werfen den Piraten vor, unfair zu sein. In diesem Fall sehe ich aber, dass die Piraten im Gegenteil sehr fair sind.

Die meisten Piraten sind ja sehr technikaffin, und einige Kommentatoren sprechen von den Piraten als die, die die “digitale Welt programmiert” haben. Das ist bei Lichte besehen wohl eher sehr stark untertrieben, den sie haben sie nicht nur programmiert, sondern administrieren sie, testen sie auf Sicherheit und sorgen überhaupt dafür, dass das meiste technisch einfach klappt. Aber damit nicht genug, sie sind auch die, die den Politikern (und nicht nur denen) helfen, wenn es Probleme mit Mail gibt, das Kabel am Computer rausgerutscht ist, der Monitor nicht angeht, das Passwort nicht stimmt oder Word beim Öffnen einer Datei so komische Fenster öffnet. Aber statt den Leuten dort auf die Füsse zu treten und einfach zu sagen “Macht doch euren Scheiss alleine”, kommt in nicht enden wollender Geduld im übertragenen Sinne die Frage “Have you tried to turn in off and on again?”, das Problem wird sogleich mit einem Lächeln im Gesicht durch einen einfachen Druck auf die Capslock-Taste gelöst, und dem, dem geholfen wurde, kommt das Ganze so vor, als hätte er für einen kurzen Augenblick in das Angesicht Gottes geschaut.

Wenn die Piraten den Politikern nun vorhalten, sie sollen sich darum bemühen, zu verstehen worüber geredet wird, so ist auch das freundlich - und fair - weil sie die Chance haben, genau das zu tun. Man muss weder Informatiker sein, noch einen 12-Stundentag im Netz verbringen. Mit “lernen” meine ich nicht das Lernen von vorgefertigte Phrasen über rechtsfreie Räume. Umgekehrt aber bauen viele Politiker ihre Politik auf Grundlage von Ignoranz und Uninformiertheit grosser Teile der Bevölkerung auf, die sie mit der Wichtigkeit ihrer politischen Präsenz und vermeintlichen Stimmigkeit ihrer Thesen blenden. Ihnen wird dabei von allen möglichen Medien sekundiert, die es ihnen leider auch viel zu leicht machen (und damit ist nicht nur die Bildzeitung gemeint). Und genau das ist unfair, weil man da praktisch lange so gut wie nichts gegen tun konnte. Im Gegensatz zu vielen Politikern sind die Piraten (vielleicht nicht alle, aber die meisten) sehr wohl bereit zu lernen und sich in den Diskurs zu begeben, auch über das, was immer so schön mit “Internetthemen” kleingeredet wird, hinaus (jaja schon klar, auch bei Politikern gibt es jene und solche).

Ich gebe zu, keine Ahnung von politischen Prozessen zu haben, auch fehlt mir eine Menge Theorie in dem Bereich, keine Frage. Aber es ist auch kein Hexenwerk, das man nicht als interessierter Mensch lernen kann. Man braucht wohl vor allem Geduld, muss bereit sein, zu lernen und ein paar Dinge einfach aushalten - nicht nur unsägliche Nazivergleiche. Jedenfalls möchte ich eigentlich als Basis meiner politischen Arbeit nicht das Ziel haben müssen, meinen Gegner erstmal zu vernichten, bevor ich mit ihm zusammen komme kann.

Politisch haben wir wohl vor allem ein Problem, nämlich dass ausschliesslich in Lagern gedacht wird. Solange aber auf der Rechnung CDU/CSU/FDP auf der einen und SPD/Linke/Grüne auf der anderen Seite steht, bewegt sich politisch wenig. Katja Dörner von den Grünen hat es gestern bei einem Gespräch nach dem Stammtisch der Bonner Piraten schön auf den Punkt gebracht: Wenn man sich ansieht, was mit einem Mal möglich ist, wenn man diese Lager auflöst, ist das ganz erstaunlich, denn es hat die Kraft, die Lobby zu neutralisieren (wie zum Beispiel in Hamburg bei schwarz-grün) und kann dafür sorgen, dass gute und verlässliche Politik gemacht wird, wenn sich die Partner an ihre Vereinbarungen halten (also anders als die SPD, wie ich in letzten Tagen immer wieder bestätigt bekommen habe). Es kann natürlich auch mal schief gehen mit so einer Koalition, was ist mir persönlich aber allemal lieber, als immer mehr desselben. Leider endet nunmal aber oft schon die Überlegung in der öffentlichen Herabwürdigung des politischen Gegners, die übrigens kein Bürger mehr hören will.

Ich bin ja sowieso der Meinung, dass man sich in Zukunft auf allerlei seltsam anmutende Bündnisse gewöhnen muss, und ich kann daran nichts schlechtes finden, wenn politisch rumexperiementiert wird. Mir jedenfalls geht es auf die Ketten, dass einige Dinge nur aus dem Grund nicht gehen, weil Person X aus Partei A persönlich nicht mit Person Y aus Partei B klar kommt oder weil man “mit denen nicht spricht” (auch und vor allem bezogen auf die Position der Linken aus Sicht der CDU/CSU). Das, liebe Politiker, ist nicht das, wofür ihr von eurem Souverän in die Parlamente geschickt werdet. Ihr seid dort, um Probleme zu lösen und die Grundlagen unseres Zusammenlebens zu verbessern.

Krautchan ist nicht das Maß des politischen Diskurses bei den Piraten - auch wenn aus der Ecke viel kommen mag, weil man es eben einfach kann. Ich bezweifle auch stark, dass die ganzen Trolle wirklich Piraten sind, und sehe viel False Flag. Aber wenn sich die Linke zur einer Art Taliban macht und beginnt, Bürgerrechtler als Nazis zu verunglimpfen, dann wird sie in Zukunft im politischen Diskurs eben einfach wegignoriert (übrigens so, wie die Rechte in real life-Diskussionen bei den Piraten auch). Ich erwarte da einfach nichts wirklich hilfreiches oder interessantes mehr, was ich nicht schon tausend mal gehört oder gelesen habe.

Wer die Aktiven-Liste der Piraten und das gebashe im Netz mit dem verwechselt, was da real grade politisch entsteht, dem ist nicht zu helfen. Wer sich zur ersten und wichtigsten Aufgabe macht, die Piraten zu bekämpfen, der tut mir einfach nur leid und sollte mal wieder ins Kino oder Theater gehen. Und wer die Zeit investiert, diesen Leuten auch noch Relevanz zu verschaffen und Kraft in eine wie auch immer geartete Abwehr zu verschwenden, dem lege ich ans Herz, seine Kreativität in konkrete politische Arbeit zu investieren, denn dort wird sie viel mehr gebraucht.

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4 Comments »

  1. Ich kann, vor allem dem letzten Part, nur voll und ganz zustimmen!

    BTW: “wegignorieren” ist ein schönes Wort. :-)

    Comment by Stefan Sarzio — Boomtime, 48th Bureaucracy, 3175. @ 65948

  2. Was du im letzten Absatz schreibst, lese ich in letzter Zeit häufiger. Dass das rumgetrolle im Netz nichts mit den Tatsächlichen Positionen/Ambitionen/echten Piraten/wirklicher Politik zu tun hat. Und ich denke das ist ein Problem. Wenn die Piratenpartei sich im Netz nicht kommunizieren kann - wo dann?
    Irgendwie sollte es ja möglich sein, nicht mit seinen fanboys verwechselt zu werden.

    (das geht jetzt ein stück weit an deinem post vorbei, umd die fairness geht es mir hier ja grad garnicht)

    mfg laus

    Comment by laus — Pungenday, 49th Bureaucracy, 3175. @ 40891

  3. @laus: Wir stehen bei den Piraten vor einem ähnlichen Problem wie damals die Grünen, die ja auch Probleme mit Abuse ihrer basisdemokratischen und offenen Strukturen hatte. Wieviel davon PsyOps und somit gesteuert und wieviel davon echte und verpeilte Piraten sind.

    Ich denke, wir haben nach der Wahl eine Menge Diskussionen zu führen, und ich bin darauf auch schon sehr gespannt.

    Comment by fukami — Pungenday, 49th Bureaucracy, 3175. @ 41722

  4. @laus: das problem scheint mir weniger zu sein, dass die piraten ihre positionen nicht kommunizieren koennen, sondern dass in einem offenen netz eben jeder seine position kommunizieren kann, und die unterscheidung schwierig ist, was davon nun piratenposition ist und was nicht.

    @fukami: zum thema “verstehen” moechte ich anmerken, dass ein allgemeiner politiker dinge nicht sofort auf “unserem” niveau verstehen kann oder muss. Das wurde mir z.B. wieder bei der podiumsdiskussion letzten mittwoch klar, als Du Deine frage zur quellen-TKÜ gestellt hast. Diese frage hat wohl kaum jemand von den kandidaten verstanden (vermutlich nur Herr Kelber). Das thema ist kompliziert und Deine formulierung war voller abkuerzungen und fachworte. Die frage ansich war natuerlich sehr interessant, aber um bei solchen detailfragen eine brauchbare antwort zu bekommen muesste man sich eben erst mal eine halbe stunde zeit nehmen und das thema erlaeutern. Das kann man insofern als unfair auslegen, dass die kandidaten bei so einer frage dumm dastehen und nur zugeben koennen, dass sie nicht wirklich wissen wovon Du redest. Andererseits laesst es uns aber auch dastehen als “komische nerds die von dingen plappern die kein mensch verstehen kann, haben die denn keine anderen probleme, wie z.B. arbeitslosigkeit und weltfrieden?” (die probleme sind natuerlich inhaltlich noch weit schwieriger, aber jeder kann mitreden oder glaubt es jedenfalls).
    Fazit: ich glaube es waere fair/konstruktiv wenn wir unsere [echtzeit-]kommunikation mit dem “politischen gegner” etwas niederschwelliger gestalten wuerden.

    Zweiter punkt: Du warst an dem abend ja frueher weg, aber spaeter wurde die stimmung teilweise schon noch etwas konfrontativer. Piraten vs. CDU (aber auch SPD). Und da muss ich leider sagen dass ich “unser” diskussionsverhalten noch fuer verbesserungsbeduerftig halte, weil es nichts bringt, den anderen “netz-unaffinitaet” und pauschal unvernuenftige politik zu unterstellen und sie durch zwischenrufe zu unterbrechen. Wenn man nicht selbst auf dem podium sitzt sollte man sich darauf beschraenken, fragen zu stellen, wenn einen der moderator aufruft. Klingt spiessig, halte ich aber fuer besser, weil ich glaube dass man nur dann ernst genommen wird, wenn man auch den anderen mit respekt begegnet. Leute, die man beleidigt, werden einem hinterher sicher nicht zustimmen.

    Alles gute, bis morgen,
    rob

    Comment by rob — Boomtime, 53rd Bureaucracy, 3175. @ 67575

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