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Zu Kantels Forderung nach Rücktritt von Andreas Popp

Sweetmorn, 42nd Bureaucracy, 3175.

Vorhin bin ich zufällig auf das Blog von Jörg Kantel gestossen. Den Schockwellenreiter habe ich schon ewig nicht mehr verfolgt und wusste nicht, dass er mittlerweile auch der Piratenpartei beigetreten ist. Aufmerksam geworden bin ich, weil der Andreas Popp den Rücktritt von Parteiämtern nahe legt.

Zuerst einmal finde ich diese Rücktrittsforderung lächerlich. Das, was Jörg Andreas vorhält, halte ich nicht für einen Rücktrittsgrund. Ich finde, im Gegensatz zu Jörg, Andreas’ Entschuldigung glaubwürdig. Vor allem aber muss Andreas sich nicht vorwerfen lassen, er hätte sich der Jungen Freiheit angebiedert, sich mit deren Ideologie gemein gemacht oder er versucht hätte, offensiv am rechten Rand zu fischen, ganz im Gegenteil. Ich finde eher den Beissreflex verstörend und die Forderung einer solchen Konsequenz. Dass Andreas die Junge Freiheit nicht kennt, mag zwar irgendwie peinlich wirken, aber ist andererseits auch nichts, wofür ich Andreas verdammen werde, denn dazu macht er eine zu gute Arbeit in der Partei. Und der Fehler war nun auch nichts, was letztendlich wesentlich mehr als einen Sturm im Wasserglas darstellt.

Wer in Deutschland politisch tätig sein will muss in aller erster Linie den Willen haben, politisch tätig zu sein, mehr nicht. Klar kann es hilfreich sein, wenn man auch noch (offline-)medienbewandert ist, Politik, Geschichte oder Jura studiert hat, mit einem ehemaligen Minister zusammen in einem Kessel bei einer Demonstration gegen Gorleben war oder mit den Chefredakteuren der deutschen Presseflagschiffe auf Du und Du ist. Aber wie gesagt, alles überhaupt nicht nötig. Ich glaube eher im Gegenteil, dass man sich bei den Piraten eines Tages noch sehr die unbeschwerte Zeit zurückwünschen wird, in der man noch nicht zum Establishment gehörte und diese Unprofessionalität und Unbedarftheit an den Tag legen konnte.

Was ich Jörg Kantel und auch andere Kritiker vorhalte, ist der Zwang, alles genau so sehen zu müssen, wie das der restliche Politikbetrieb tut. Das heisst nicht, dass ich es erstrebenswert finde, mit der Rechten in einen wie auch immer gearteten Dialog zu treten (das sehe ich eigentlich mitnichten so). Aber ich verlange schon das Recht, eigene Fehler zu machen und gestehe dieses Recht auch Andreas und anderen Piraten zu - auch wenn es dort natürlich Grenzen gibt. Das mag Jörg schlecht finden wenn er will und den Austritt erwägen, weil er sich in der falschen Organisation wähnt (was ich übrigens nicht hoffe). Aber “mit denen redet man nicht” ist für mich per se kein sinnvolles Argument, auch wenn ich persönlich ein Interview mit der Jungen Freiheit abgelehnt hätte und Andreas das auch geraten hätte, wenn er mich gefragt hätte.

“Wer viel macht, macht viele Fehler” - das ist nunmal ein Satz, der so einfach wie treffend ist. Und wir Piraten haben noch so unendlich viele Fehler vor uns, dass ich nicht wegen so einer bescheuerten Geschichte einen der unseren über Bord gehen lassen will.

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4 Comments »

  1. Es gibt überhaupt keinen Grund, die Sache ins Lächerliche zu ziehen. Mit Deiner rotzing-trotzigen Polemik (”Politik, Geschichte oder Jura studiert, …”) verstärkst Du nur meine Bedenken gegen Eure Partei.

    Tschuldigung, aber nee, zu wissen wo sich die Junge Freiheit verortet ist kein Expertenwissen, sondern jedem bekannt, der regelmäßig Zeitung liest.

    Viele Menschen lehnen Atomkraft ab, werden aber ehner einem ausgebildeten Techniker vertrauen, der den Reaktor weiterfährt, als jemanden der einfach mal mit viel Elan und guten Willen auf alle Knöpfe drückt, um das Ding irgendwie abzuschalten.

    In diesem Sinne möchte ich nicht, dass die Piratenpartei in den Bundestag einzieht und in ihrer Unbedarftheit einfach mal auf alle politischen Knöpfe drückt. Von “aber wir hattens doch gut gemeint” kann ich mir nichts kaufen, und “ey, wie soll man so’n Scheiß denn wissen” will ich schon gar nicht hören.

    Comment by Arno Nühm — Sweetmorn, 42nd Bureaucracy, 3175. @ 37563

  2. Ich habe nicht studiert, engagiere mich aber trotzdem in der Politik, auch wenn es wohl eine Ausnahme darstellt. Wenn du glaubst, man müsse studiert haben, dann finde ich das schade (und dumm irgendwie).

    Für mich zeigt der Vorfall vor allem eins: Andreas liest keine Zeitungen. Auch daraus kann ich ihm keinen Strick drehen. Und ich kenne übrigens die Junge Freiheit und andere Publikationen der Art und mag diese Postille nicht, lerne aber auch nicht aus, wenn es um neues geht.

    Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich. Ich bin nicht Meinung, dass man jeden Knopf drücken soll (habe ich auch so nicht gesagt). Aber ich finde schon, dass “mehr desselben” nicht die Politik ist, die wir jetzt brauchen. Und ja, ich glaube, dass Experimente der Politik gut tun (siehe die GO in NRW, die eine Reihe interessanter Modelle auf kommunaler Ebene eröffnet hat).

    Übrigens passiert genau so eine Politik in sehr vielen Bereichen zur Zeit, dass die Politiker nicht wissen, “was das für’n Scheiss ist” (man muss nur auf die Gesetze gucken, die sich mit Telekommunikation-Regulierung auseinandersetzen). Das findest du aber unbedenklicher als einen Faux-pas, der keinerlei echte Auswirkung auf reale Politk zeigen wird. Andreas hat seine Lektion gelernt, viele Politiker sind aber komplett lernresistent.

    Aber es sei dir unbenommen, die Piraten nicht zu wählen. Zumindest ich habe nicht angefangen, Politik zu machen, um geliebt zu werden, sondern um etwas zu ändern.

    Comment by fukami — Sweetmorn, 42nd Bureaucracy, 3175. @ 47933

  3. Was drehst Du mir denn das Wort im Mund herum?

    Du hast gesagt, es kann nicht jeder studierter Jurist etc. sein. Ich habe gesagt, nein, es genügt auch völlig eine Zeitung zu lesen.

    Und einen Kommentar später war es plötzlich ich, der (noch mehr) Juristen in der Politik sehen will, und Du verkaufst die Erkenntnis, dass Herr Popp keine Zeitungen liest als Deine Erkenntnis.

    Ja, OK, geht klar.

    Ich habe übrigens auch keins der genannten Fächer studiert, und bloß weil ich die Junge Freiheit kenne, war ich auch in keinem Kessel mit Fischer, oder bin auf Du und Du mit Joffe, oder gehöre sonstwie zum Establishment. Bei Dir klingt es ja geradezu, als ob solche Patzer Ausdruck des richtigen ideologischen Bewustseins sind. Also, wer Ahnung hat, ist verdächtig? Oder andersrum: Wer keine hat, ist Pirat? Was soll das werden, die Kulturrevolution?

    Ach so, und Ihr braucht auch nicht versuchen geliebt zu werden, sondern gewählt zu werden. Ich träume sowieso nicht davon, mit einem Parteifunktionär Zungenküsse zu tauschen, weder bei den Piraten noch anderswo.

    Comment by Arno Nühm — Sweetmorn, 42nd Bureaucracy, 3175. @ 65447

  4. @Arno

    Ach so, und Ihr braucht auch nicht versuchen geliebt zu werden, sondern gewählt zu werden.

    Achso. Wieder mal das verlogene Spiel der “Großen” mitspielen? Alles, was der Partei schaden könnte muss schnell über Bord geworfen werden.

    Wie wäre es mal, ein besseres Verständnis von Basisdemokratie auzulegen?

    Comment by Mussdasssein? — Sweetmorn, 42nd Bureaucracy, 3175. @ 80022

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