The Turkey Curse
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Buchbesprechung: “Gewählt ist gewählt”

Setting Orange, 41st Bureaucracy, 3175.

Gewaehlt ist gewaehlt

Vor einiger Zeit hatte ich bei einen Event in Köln jemanden kennen gelernt, der in Sankt Augustin einen kleinen Verlag betreibt. Es entspannen sich über Stunden eine Reihe sehr interessante Diskussionen zu allen möglichen politischen Aspekten der Piraten, deren Utopien, Werten und Demokratievorstellungen.

Da ich kein Politikwissenschaftler bin, aber das Bedürfnis verspüre, sehr viel mehr über demokratische Modelle und Verfahren zu erfahren, lese ich grade ohnehin eine Menge zu diesen Themen. Betreffende Person gab mir ein paar Tage später beim Bonner Stammtisch ein Buch, das sie in dem Verlag veröffentlicht hat. Dieses Buch trägt den Titel Gewählt ist gewählt und wurde von Kai Flesch verfasst.

Beschreibungen zu Wahlensystemen und -verfahren sind nicht wirklich besonders unterhaltsam - dachte ich zumindest. Das Buch ist nicht sehr wissenschaftlich verfasst, was ich aber ausgesprochen positiv finde. Kai Flesch beschreibt sehr detailreich und anschaulich, welche Verfahren und Systems es gibt, deren Geschichte von der Antike bis in die Neuzeit, ihre jeweiligen Vor- und Nachteile und welchen besonderen Effekte die jeweiligen Verfahren unter bestimmten Bedingungen auf den Ausgang einer Wahl haben können. Ausserdem ist das Buch voller witziger Anekdoten, die das Lesen zu einem grossen Vergnügen gemachen. Dabei habe ich auch noch eine Menge nützlichen und unnützes Partywissen angehäuft. So habe ich ganz nebenbei erfahren, wo der Begriff “dingfest” seinen Ursprung hat (nämlich vom “Dings”, den germanischen Stammestreffen, bei dem am dritten Tag, dem Gerichtstag, Anwesenheitspflicht für Angeklagte bestand und diese notfalls “dingfest” gemacht wurden), weiss, was ein “Gerrymander” ist (nach Elbridge Gerry, der die Wahlkreise in Massachusetts so veränderte, dass sich seine Chancen für die Wiederwahl verbesserten) und kenne nun den “Doppelten Pukelsheim” (einem komplexen Wahlverfahren nach Friedrich Pukelsheim und Michael Balinski, dessen Ziel es war, die Zusammensetzung des Züricher Stadtrats nach der sogenannten “doppelten Proportionalität” zu ermöglichen). Es werden auch Begriffe besprochen, die die allermeisten Leser zumindest schon einmal gehört haben sollten, wie Überhang- und Ausgleichsmandate, negatives Stimmgewicht (übrigens auch etwa zynisch “inverser Erfolgswert” genannt), Machtindex und natürlich auch die eigentlichen Wahlverfahren wie z.B. das Hare- und Niemeyerverfahren, die Condorcet-, Tiede- und d’Hondt-Methoden und STV (Single Transferable Vote) sowie die antiken und mittelalterlichen Verfahren wie beispielsweise die Scrutinialwahl des Klerus.

Dieses Buches bezieht sich übrigens auch auf die von Wirtschaftswissenschaftler Kenneth Joseph Arrows benannten Mindestanforderungen an Wahlsysteme, die sich auf folgende vier Kernvorraussetzungen stützt:

- Wenn alle Wähler auf ihrem Stimmzettel einem Kandidaten den Vorzug gegenüber einem anderen Kandidaten geben, so muss dieser auch ein besseres Endergebnis erzielen.
- Das Gesamtergebnis eines Kandidat darf sich nicht verschlechtern, wenn sich Wähler umentscheiden und ihn auf allen Wahlzetteln besser platzieren als vorher.
- Die Reihenfolge zweier Kandidaten darf nur von ihrer Reihenfolge auf der Präferenzliste der einzelnen Wähler abhängen, nicht von den Rängen anderer Kandidaten.
- Es darf keinen Wähler geben, der mit seiner Stimme alle anderen Wähler überstimmen kann.

Arrow hat in seinem Arrow-Theorem (auch Arrow-Paradoxon oder Allgemeines Unmöglichkeitstheorem genannt) bewiesen, dass es kein Wahlsystem gibt, dass alle diese Vorraussetzungen erfüllt. Genauer besagt es, dass es “unmöglich ist, aus den Präferenzen der Individuen einer Gruppe immer eine eindeutige Präferenz der Gruppe abzuleiten, wenn diese Ableitung gleichzeitig noch einige anscheinend nahe liegende ethische und methodische Bedingungen erfüllen soll.” (aus der Wikipedia zum Arrow-Theorem).

Er hat dafür den Nobelpreis bekommen.

Eine Geschichte aus dem Buch, die ich sehr anschaulich finde, ist ein Beispiel zum Bürgerentscheid: Eine Gemeinde lässt einen Bürgerentscheid durchführen, bei dem es darum gehen soll, ob ein altes Freibad erhalten werden oder abgerissen und ein Spassbad entstehen soll. In der Gemeinde gibt es 30.000 Stimmberechtigte und der Bürgerentscheid ist nur bindend, wenn mindestens 10% der Stimmberechtigten abgestimmt haben. Bürger B ist Fan des Schwimmbades und weil ihm durch die Medien suggeriert wird, dass die meisten Bürger dafür stimmen werden, das Bad abzureissen, geht er zur Wahl stimmt für dessen Erhalt.

Der Bürgerentscheid fällt mit 1798 zu 1202 Stimmen für das Spassbad aus. Bürger B ärgert sich nun aus zwei Gründen. Erstens wird sein Bad abgerissen und muss einem Spassbad weichen. Zweitens ärgert er sich darüber, dass er selbst schuld ist. Wäre er nämlich nicht wählen gegangen, hätte es nur 2999 abgegebene Stimmen gegeben und der Bürgerentscheid wäre nicht bindend gewesen. Der Neubau ist also überhaupt nur möglich, weil er seine Stimme zu dem Thema abgegeben hat. Diesen oder ähnlich Paradox anmutende Effekte gibt es aber übrigens bei praktisch allen Wahlverfahren.

Das Buch ist jedenfalls sehr empfehlenswert für alle, die sich gerne einen guten Überblick über Wahlverfahren verschaffen wollen, ohne abstrakte, wissenschaftliche Abhandlungen dazu wälzen zu wollen. Ich würde ja Kai Flesch gerne einmal einladen, um mit ihm u.a. darüber zu diskutieren, was er von Ansätzen wie Liquid Democracy hält und vermute, nach Lesen des Buches, dass es bestimmt ein sehr vergnüglicher Abend werden könnte.

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