The Turkey Curse
fukamis terror chatroom

Umgang mit Revisionisten, Holocaustleugnern, “Hate Groups” und Nazis

Sweetmorn, 45th Confusion, 3175.

Wie gestern auf Heise zu lesen hat sich der Verband der Sinti und Roma für die Erweiterung der Netzsperren auf Hass-Seiten im Internet ausgesprochen. Wer den Deutschen auf den Volksmund schaut, den überrascht dieser Einwurf nicht wirklich, sind doch Sinti und Roma vermutlich die Volksgruppe, über die noch üblere Vorurteile herrschen als über alle anderen. So habe ich durchaus Verständnis für die Forderung, auch wenn ich nicht glaube, dass dieser Weg auch nur im Mindesten Erfolg versprechend ist, wenn es um die Beseitigung von Rassismus und Ressentiments geht.

Während in den letzten Tagen die Diskussion über die Grenzen der Meinungsfreiheit in der Blogosphäre hoch gekocht ist, ist mir einmal mehr bewusst geworden, wie bescheuert Indizierungen, Verbote und Sperren von (vermeintlich?) politischen Schriften ist. Ich habe dazu etwas erlebt, dass mich noch mehr zum Nachdenken gebracht hat: Vor ein paar Tagen sass ich im Bus von Siegburg Richtung Bonner Hauptbahnhof und wurde Zeuge eines wirklich üblen Gespräches. Zwei Jungs, um die 16 vermute ich und offensichtlich dem Deutschsein besonders zugetan, unterhielten sich über den sogenannten “Leuchter-Report” und das dieser doch die Wahrheit über Auschwitz enthielt, in Deutschland aber verboten sei, und das da ja was dran sein müsste, sonst würden die Juden und die deutsche Regierung keinen Grund haben, diesen Report unter Verschluss zu halten. Während ich also in dem Bus fuhr und diesen beiden jungen Kerle zuhörte wurde mir klar, dass ich zwar schon einmal von diesem Namen gehört habe, aber eigentlich gar nicht so genau weiss, was denn dieser Report genau besagt. Dementsprechend war ich nicht so recht in der Lage, mich da mit fundierten Argumenten einzumischen, ausser villeicht mit einem “Bullshit”. Ich habe also einfach zugehört, weil die beiden auch offensichtlich nicht das Gefühl hatten, dass irgendwer ihr Gespräch belauscht und waren dementsprechend frei ihrer (teilweise schwer erträglichen) Rede.

Zuhause angekommen suchte ich erst die Seiten der Wikipedia, dann die Seiten des Nizkor-Projektes auf, und sehr schnell wurde mir deutlich, was für ein Machwerk es sich handelt. Beim Leuchter-Report dreht es sich um eine im Rahmen eines Ende der Achtziger stattfindenden Zündel-Prozesses in Kanada erstelltes Gutachten einer Person, die sich Fred A. Leuchter nennt. Dieser Mann will bewiesen haben, dass die Morde durch Zyklon-B nicht stattgefunden haben können und dies durch Studien in Auschwitz-Birkenau und Majdanek belegt haben will. Sein Gutachten wurde vor dem kanadischen Gericht vom Chemiker Richard J. Green und dem Informatiker Jamie McCarthy vom Holocaust History Project eindrucksvoll auseinander genommen (Green wirkte übrigens auch dabei mit, das sogenannten Rudolf-Gutachten fundiert zu zerlegen).

Beim Lesen dieser ganzen Materialien ist mir etwas klar geworden: Ich kann eigentlich nur auf Sekundär-Literatur zurückgreifen, die zwar sehr gut kommentiert ist, aber eben trotzdem nur Sekundär-Literatur ist. Ähnlich wie die Historikerin und Holocaust-Forscherin Deborah Lipstadt und dem Betreiber des Nizkor-Projektes Kenneth McVay finde ich, dass Verbote und Indizierung nicht der richtige Weg sind, um mit dem Problem der Holocaust-Verleugnung umzugehen. Nach Ansicht der Beiden ist der einzig sinnvolle Weg die Aufklärung über die Argumente der Revisionisten. Nizkor linkt beispielsweise auch auf in den USA verbotenen Seiten von “Hate Groups”, um deren Argumente genau unter die Lupe zu nehmen. Dafür wird dieses Projekt von verschiedenen Gruppen sehr kritisiert, wie z.B. dem Simon Wiesenthal Center, die seine Strategie für gefährlich halten und seine Referenzen als eine Art Yellow Pages der Hassgruppen begreift, die man besser einfach ignorieren sollte. Nizkor hat übrigens auch das sehr umfangreiche Shofar FTP-Archiv, das eine riesige Menge an Primärquellen hostet sowie Kopien von Usenet-Postings. Es gibt übrigens noch eine andere Quelle, die ich sehr zu schätzen gelernt habe: Die deutschsprachige Holocaust-Referenz, die sich zur Aufgabe gemacht hat, schlüssige Argumente gegen die Holocaustleugnung zu sammeln.

Hass und Dummheit kann man meiner Meinung nach nicht mit Verboten beikommen. Nicht, dass ich glaube, Leute wie Zündel oder Irving sind Menschen, die man davon überzeugen kann, wie falsch ihre Vorstellung ist. Aber ich glaube auch nicht, dass man grade jungen Menschen, die Fragen zu dem selbst für mich immer noch schwer begreifbaren Gräueltaten der Deutschen im Dritten Reich haben, mit verordnetem Antifaschismus kommen kann und bestimmte Literatur verbietet. Diese Strategie führt meiner Ansicht nach vor allem dazu, dass sich Autoren wie Holey und andere braune Rattenfänger unter dem Deckmantel der “Wahrheitsfindung” den Jugendlichen als Märtyrer darstellen können, was ich viel gefährlicher finde. Aber es ist auch klar, dass das natürlich sehr viel aufwändiger ist als Verbote, denn zu einem kritischen Umgang mit Quellen gehört gute Schulung und gute Lehrer, die so etwas überhaupt qualifiziert leisten können. Auch hier wird ein Weg gegangen, der aus meiner Sicht nichts mit einer “wehrhaften Demokratie” zu tun hat, sondern ein deutliches Zeichen von Angst und Schwäche ist. Dabei ist diese Angst aus meiner Sicht eigentlich unbegründet, zumindest wenn man diesen Diskurs auf auf die richtige und entschlossene Art und Weise führt. Und das Internet kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Netzsperren können gar nicht dafür sorgen, dass diese Nazipropaganda auf ewig verschwindet, machen es aber Leuten viel schwerer, auf diese Machwerke angemessene Erwiderung zu finden (und im Falle von Netzsperren könnte man auch sehr leicht Probleme bekommen).

In der Folge des Leuchter-Report gibt es übrigens noch eine wie ich finde interessante Geschichte am Rande: Der Chemiker und Historiker Jean-Claude Pressac galt früher als Geschichtsrevisionist und überzeugter Holocaustleugner. Sein Ziel war eigentlich, die Argumente des Leuchter-Reports zu beweisen und nahm sich Zeit, in Auschwitz-Birkenau eigene Untersuchungen vorzunehmen. Während seiner Forschungen änderte er seine Ansichten zum Holocaust und veröffentlichte das Buch Auschwitz: Technique and Operation of the Gas Chambers, in dem er nicht nur die Holocaustleugner fachlich komplett widerlegte, sondern eine Reihe von neuen Erkenntnissen zur Technik des Massenmordes aufdeckte.

Meine Meinung zu den entsprechenden Strafgesetzen ist noch nicht so ganz ausgereift. Während Zündel und andere Spinner meinetwegen im Knast versauern können und ich nachvollziehen kann, dass die Opfer und deren Angehörige grossen Schmerz bei Äusserungen von derlei Rassisten empfinden, so glaube ich dennoch, dass wir uns der Verantwortung für das Andenken anders stellen müssen als durch das Strafrecht.

Die beiden Jungs aus dem Bus stiegen eine Station vor mir aus, so dass ich sicher bin, mindestens einem von Beiden sicher einmal wieder zu begegnen und habe mir vorgenommen, das nächste Mal das Gespräch zu suchen. Den auch wenn sie vergiftet sind mit dämlichen Ideen, denke ich, dass auch sie nicht als Nazis geboren sind.

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1 Comment »

  1. Bodogate und Redefreiheit, Holocaustleugner und Nörgler…

    Vor ein paar Tagen hatte ich zwei Beobachtungen zu “Bodogate” beschrieben, den weitaus größeren Teil auch als Reaktion auf einen Artikel von Julia Seeliger. “Bodogate” diente dabei eigentlich nur als Aufhänger. Bodos Äußerungen sind natürlich…

    Trackback by datenritter blog — Pungenday, 47th Confusion, 3175. @ 5734

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