The Turkey Curse
fukamis terror chatroom

Wachstumsprobleme

Prickle-Prickle, 33rd Confusion, 3175.

Wenn Organisationen sehr schnell wachsen, kann es eine Rehe von Problemen geben. Das, was wir grade bei der Piratenpartei sehen ist dafür ein klassischer Beleg: Es gibt die Leute, schon lange dabei sind (wobei “lange” auch nur etwa zweieinhalb Jahre meint, was bei Parteien nicht eben viel ist) und die Leute, die neu dazu kommen und sich einbringen wollen. Ein Problem ist z.B., das sich die Alten etwas ausgedacht haben, die Neumitglieder aber unter Umständen andere Vorstellungen haben, ihre eigenen Ideen diskutiert sehen wollen oder sich über die Zeit gewachsene Strukturen als ineffektiv herausstellen. Probleme sind das aber auch eigentlich nur in Organisationen, die basisdemokratisch und offen funktionieren und in denen es kein echtes ZK wie bei den anderen Parteien gibt. Die Piraten sind zumindest so offen, dass sich jederman überall registrieren und fleissig mitdiskutieren kann, was bei es bei anderen Parteien soweit ich das weiss praktisch gar nicht gibt.

Durch die offene Struktur kommt es aber auch zu einem weiteren Problem: Es ist sehr leicht Psyops zum Beispiel auf den Mailinglisten oder Foren zu machen und für Verwirrung, schlechtes Klima und ein noch verzerrteres Bild der Piraten in der Öffentlichkeit zu sorgen. Dem zu begegnen ist nicht einfach, ausser durch gesunden Menschenverstand. Öffentlich kann sich das aber zu einem grossen Problem auswachsen, den es ist unklar, welchen Teil der Informationen zu den Piraten im Netz welche Öffentlichkeit als Piratenmeinung brandmarkt.

Als persönliches Problem sehe ich, dass die konkrete Unterstützung für Personen in Wahlkampf u.U. etwas problematisch werden kann. Was sagt mir, dass die Person die Piratenpartei nicht nutzt, um sich relativ leicht und ohne langes Rumbuckeln wie in anderen Parteien einen Platz in einem der Parlamente zu sichern und irgendwann nach der Wahl in eine andere Partei wechselt und Positionen befördert, die im Gegensatz zu meinen Meinungen sind. Im Moment ist es eben sehr leicht möglich, dass so etwas passiert. Ich kenne einen Haufen Nerds, bei denen ich mir recht sicher sein kann, dass da nichts passiert. Aber wie sieht das mit denen aus, die ich nicht so gut kenne? Diese Zeit ist hervorragend geeignet für Leute, die schnell politisch Karriere machen wollen, und die Zeit, die Kandidaten vernünftig kennen zu lernen, ist sehr kurz. Bei den anderen Parteien kommt sowas auch vor, und ich bin vollkommen glücklich darüber, dass Abgeordnete zumindest des Bundestages nicht der Fraktion oder Partei verpflichtet sind, sondern ihrem Gewissen.

Und wie aufs Stichwort schreibt auch jemand auf die Neulingsliste der Piraten (hatte den Eintrag schon vor ein paar Tagen angefangen aber beendet): “Ich bin Neuling im Landesverband Sachsen und möchte wissen, welche Möglichkeiten ich habe für ein Parteiamt zu kandidieren. Also wie genau läuft das ab, welche Stimmen brauche ich zu welcher Wahl?”. Ich vermute ehrlich gesagt nicht wirklich, dass es dieser Person um konstruktive Arbeit zu den Themen geht, sondern persönliche Karriere. Nicht, dass ich diese Person dafür verurteile — jeder kann machen und denken was er will. Aber meine persönliche Unterstützung und Sympathie hat er natürlich erstmal sicher nicht.

Das mochte jetzt alles viel schlimmer klingen als ich es tatsächlich empfinde, denn bisher habe ich eigentlich so gut wie nur sehr nette Piraten kennen gelernt, die ich auch für vertrauenswürdig halte. Aber dennoch kann ich nicht umhin, da eine vielleicht etwas ungewöhnliche Haltung zu haben. Ich habe nur einfach keine Zeit für Idioten :)

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3 Comments »

  1. Auf genau diese Diskussion habe ich gewartet. Während ich die Piraten schon immer gewählt hätte, aus Mangel an Alternativen, stoßen mir doch komische Ansichten auf sobald ich mich mit ihnen näher befasse. Los gehts mit komischen Geistiges Eigentum Disclaimers auf dem Piraten-Planet, bis hin zu “das kann doch nicht legal sein” wenn ich ein Radiointerview mit ihnen auf TPB lade. Das habe ich bei dem Mindset das der Parteiname vermittelt so ganz und gar nicht erwartet.

    Comment by Astro — Prickle-Prickle, 33rd Confusion, 3175. @ 83752

  2. @fukami: kann ich vollkommen nachvollziehen. Wer einen Listenplatz oder ein Parteiamt erhält, bekommt von den anderen Parteimitgliedern eine gewisse Macht delegiert. Und es ist immer gut solchen Leute eine gesunde Portion Misstrauen entgegen zu bringen. Das mag daran liegen, dass ich mich auch der Hackerethik verpflichtet fühle (u.a.:”Misstraue Autoritäten”), aber ich denke diese Einstellung ist generell angebracht. Zum Glück erfährt man im persönlichen Treffen weit mehr über andere als über die Mailingliste. Daher sollten sich auch alle Piraten, die zumindest halbwegs aktiv sein wollen, einen Stammtisch suchen. Auch wenn das für Kellernerds erstmal eine Herausforderung sein dürfte :-D.

    Comment by apoc — Setting Orange, 34th Confusion, 3175. @ 40972

  3. Gestern ging ich (Normalo, nicht Nerd, fast 50, kein Pirat) das erste Mal zu einem Crewtreffen, i.e.L. um die Menschen hinter den digits kennenzulernen, aber auch um mehr zu den Positionen der Piratenpartei zu hören.
    Das Treffen fand unter freiem Himmel statt, uns so nährte ich mich einer losen Gruppe von ca. 3o Leuten, die zu Zweit, Dritt, Viert zusammenstanden oder im Gras saßen. Es fiel - im Vergleich zu meinen Besuchen bei anderen Parteien - super-angenem auf, dass das Lächeln und die erste Ansprache sehr einladend, ja includierend war, und Neuankömmlinge anscheinend wirklich willkommen sind (naja, man will ja auch noch wachsen ;-)und vielleicht ist es ja anders, wenn man an “Hinterzimmertischen” sitzt).
    Dann kam die kalte Dusche. Ich hatte mich zu einer Dreiergruppe gesellt und erklärt, ich sei gekommen, um mehr über die Positionen zu z.B. Urheberrecht zu erfahren, was sie von Kulturflatrate hielten und ob man Erst- oder/und Zweitstimmenwahlkampf mache. Der erste Pirat, vielleicht 19 oder 20 Jahre alt erklärte mir, dass er das nächste Mal bestimmt direkt kandidiere, dann bräuchte er ja nur eine (sic) Legislaturperiode in den Landtag um Pensionsansprüche zu erwerben. Ein Zweiter, ebenso alt/jung korrigierte, es seien wohl zwei Perioden, aber er wolle das auch und zwar in den Bundestag beim nächsten Mal, dann hätte er auch ausgesorgt (sinngemäß).
    Nun schreibe ich das in erster Linie dem Alter, bzw. der Jugend zu, und es trifft wahrscheinlich auch nicht die Befürchtung von fukami, hier seien Karrieristen am Werk, aber den interessierten Bürger als Erstes mit einer so opportunistischen Haltung in Bezug auf Wählerstimmen zu konfontieren, hat doch deutlich abschreckende Wirkung. Da besteht offensichtlich noch sehr viel Nachholbedarf, was Verantwortung in einer repräsentativen Demokratie betrifft. Das Argument, es handele sich wenigsten um eine authentische Aussage, also man heuchele wenigstens nicht wie “die Anderen” zieht da absolut nicht.
    Ich blieb trotzdem und fand auch noch Gesprächspartner, die sich dieser Verantwortung bewusst zeigten, und hatte auch z.T. sehr interessante Diskussionen.
    Mein Fazit von Gestern: Die Gesprächskultur ist wirklich zu loben, selten mit Fremden so gut ins Gespräch gekommen, aber bei Manchen, wenn nicht gar den Meisten, ist erst Mal LERNEN angesagt.
    @apoc Es muss nicht gleich die Machtfrage sein. Wenn ich meine Stimme übertrage, mein wichtigstes Partizipationsgut in jeder repräsentativen Organisationform, dann doch, damit meine Interessen vertreten werden. In Falle dieser beiden Äußerungen war es nicht mal Machtwille, sondern nur Bequemlichkeit in Punkto Versorgung.
    Ob diese Haltung nun represäntativ für die Piraten war, kann ich nach einem Besuch natürlich nicht sagen, deshalb gehe ich bei Gelegenheit sicher - und auch gerne - wieder hin.

    Comment by kontravers — Boomtime, 13rd Bureaucracy, 3175. @ 512

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