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Strobl und die bescheuerte Killerspiel-Diskussion

Prickle-Prickle, 28th Confusion, 3175.

Thomas Strobl ist mir bislang zwei Mal sehr negativ aufgefallen. Einmal als Vorsitzender des Ausschusses für Wahlprüfung, Immunität und Geschäftsordnung, als er bei dem Wahlcomputer-Debakel erklärte, der Wahlprüfungsausschuss hätte festgestellt, Wahlen mit Wahlcomputern seien als sicher anzusehen und Karlsruhe ihn daraufhin eines besseren belehren durfte.

Das zweite Mal hatte er sich nicht mal 90 Minuten nach der Entscheidung zum Zugangserschwerungsgesetz nicht nehmen lassen, sogleich eine Ausweitung der Netzsperren auf Killerspiele zu fordern und, wie typisch für die Politiker der Koalition, auf eine technische Lösung für gesellschaftliche Probleme zu setzen.

Ein Blick auf Abgeordnetenwatch offenbart sogleich keine besonders grosse Diskussionsfreude, denn es gibt genau nur einen Eintrag vom 10. Juni dieses Jahres, bei dem er sich äussert, und zwar unter anderem mit dem hinlänglich bekannten Satz: “In jedem Fall sollte aber meines Erachtens in der Debatte, welche Maßnahmen zur Gewaltprävention ergriffen werden, die von den Bundesministern von der Leyen und Schäuble vorgeschlagene Sperrung von kinderpornografischen Seiten im Internet mit Blick auf Killerspiele neu diskutiert werden.”

Eine gute Woche später ist man dann offensichtlich schon etwas weiter, denn an jenem denkwürdigen 18. Juni erklärte er just gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger: “Wir prüfen das ernsthaft…wir gehen nach Winnenden nicht zur Tagesordnung über. Wenn es einen Nachweis gibt, dass sich Killerspiele negativ auf das Verhalten Jugendlicher auswirken, dann kann das Internet kein rechtsfreier Raum sein.”

Vielleicht sollten diejenigen, die mit “wir” sind, bei der Gelegenheit auch Nachweise dafür finden, dass sich der momentane Zustand der Gesellschaft negativ auf die Jugendlichen auswirkt. Aber mal davon abgesehen sollte man sich wohl mal genauer ansehen, worüber wir eigentlich reden.

Spiele auf grossen und kleinen LAN-Parties oder E-Sports-Turniere sind mindestens genau absurd (oder eben nicht) wie Sportschiessen, Hürdenlauf, Curling oder Go, aber eben auch mit genauso denselben sozialen Chancen und Risiken. Dort treffen sich junge Menschen miteinander, um sich genauso wie bei anderen Sportarten und Spielen zu messen und die taktisch Klügsten und Geschicktesten zu ermitteln. Bisher gab es auch nicht besonders oft Nachrichten über Körperverletzungsdelikte und Sachbeschädigungen im Rahmen dieser Veranstaltungen. Und genauso wie Sportler trainieren wohl auch diese Spieler und schlagen damit unendlich viel Zeit tot. Das es auch hier Spiele geben mag, die einer eher zweifelhafte Ästhetik besitzen, kann ich nicht einschätzen. Ich kenne eigentlich nur welche, in denen man sich wie bei Schach gegenseitig umbringt.

Ein Argument in der Pro-Sperrdiskussion von Killerspielen ist, es gehe um Bewahrung der Jugendlichen vor Verrohung. Ähnlich wie bei der Kinderpornographie-Debatte, in der es eben nicht um Kindesmissbrauch geht, der bekämpft werden muss, ist die Jugendschutz-Diskussion im Internet darauf angelegt, die entsprechenden Wählerschichten, die nicht mehr mit ihren Kindern klarkommen, mit einem vermeintlich leicht zu verstehenden Thema zu punkten und politische Handlungsfähigkeit zu simulieren.

Das eigentliche Problem ist aber offensichtlich wohl eher, dass in Familien, in denen Kinder geschlagen werden oder struktureller Gewalt ausgesetzt sind, die Gewaltschwelle eine andere werden kann und diese Spiele die Jugendlichen vermutlich nicht automatisch zu Lämmern machen. Das Fass wird nicht wirklich aufgemacht, weil sich sowas nur mit sehr langfristigen Konzepten lösen lässt, die sich nur sehr schlecht bis gar nicht innerhalb einer Legislatur verkaufen lassen. Das ist nun einmal in der Politik die einzige Zeiteinheit, die Bedeutung besitzt.

Auch ist der Raum, in dem nicht nur Jugendliche ihrem Frust freien Lauf lassen können, dünn gesät, und Schreiräume haben sich irgendwie nicht wirklich durchgesetzt. Eine Menge Jugendarbeit, grade auch im Osten, hat sich der Staat von Rechten aus der Hand nehmen lassen, und mit einer Politik, die Jugendliche per se zur Gefahr für sich und andere erklärt ist auch nicht zu erwarten, dass da noch irgendwelchen sinnvollen Angebote für Jugendliche eines bestimmten Alters kommen.

Ein Beispiel: Vor einiger Zeit gab es hier in Bonn auf dem Hardtberg ein Projekt, bei dem alle möglichen Jugendinitiativen zusammen ein Projektwochenende gemacht haben, und wirklich alle haben dabei mitgemacht. Schade nur, dass die Ankündigen dazu vor allem auf Ämtern auslag - also Orten, in denen man, ausser dem Arbeitsamt, relativ selten Jugendliche antrifft. Wenig überraschend war daher auch, wie dieses Angebot angenommen wurde, nämlich gar nicht. Bei praktisch allen Projekten waren die Projektleiter unter sich, ohne, dass sich das Zielpublikum hat blicken lassen.

Studien, die sich mit der Entstehung von Gewalt auseinander setzen, sind in der Tat spannend. Ich habe allerdings keine Ahnung, wie diese Daten überhaupt ermittelt werden. Und ich frage mich auch, wie messbare Vergleiche gezogen werden können um den Einfluss von Familie, Schule und Medien von einander abzugrenzen. Aber vielleicht fehlt mir hier auch einfach nur das Vorstellungsvermögen. Vielleicht kann mich hier aber mal jemand bei Gelegenheit erhellen.

Merkwürdigerweise ist Deutschland das einzige Land, in dem die Diskussion so geführt wird. In den USA zum Beispiel wird “America Army” als Killerspiel sogar von der Armee instrumentalisiert, um zukünftige Krieger zu rekrutieren. Nicht, dass das besonders unterstützenswert ist, aber es zeugt eben von einer anderen Vorstellung, mit vorhandenen Chancen umzugehen. Die jungen Leute werden verstanden als Personen mit besonderen Fähigkeiten, auch wenn es bei dem Beispiel um eine Fähigkeit geht, die in einer Zivilgesellschaft komplett unerwünscht ist.

Jedenfalls sind sicher weder das Internet noch die Killerspiele der Grund, warum die Gewalt zunimmt (wenn das überhaupt wirklich so ist, was ich etwas bezweifle), und eine Sperre in dem Bereich noch weniger bewirken kann als bei Kinderpornoschutzblenden, zumal man hier eigentlich niemanden hat, den man kriminalisieren kann. Aber ich sehe auch nicht, dass da auch nur ein einziges sinnvolles Konzept existiert, um zu einer Politik der langfristigen Ziele zu finden, ja ich sehe nicht mal, dass überhaupt einigermassen genau definiert ist, was man denn dieses Ziel gesellschaftlich sein soll. Um die Kleinsten zu schützen gibt es für jedes existierende Betriebssystem mittlerweile zumindest Filtermöglichkeiten, auch wenn das im Detail ganz schön bescheuert mit diesen Filtern funktioniert. Denn anders als bei kulturellen Gütern der Vergangenheit von der Sendung mit der Maus vielleicht einmal abgesehen keinen Kanon im Internet gibt, weil sich die Dinge, die man gesehen haben sollte, einer ständigen Veränderung unterziehen und je nach Geschmack unterschiedlicher kaum sein könnten.

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2 Comments »

  1. Es gibt ja auch noch mehr Dinge die potentiell schädlich für Jugendliche sind. Harter Alkohol, Pornographie, Horrorfilme, etc. alles ab 18 und niemand würde auf die Idee kommen dies zu verbieten und erwachsene Menschen zu bevormunden.

    Hinzu kommt ja, dass eine solche Regelung mehr Menschen schaden als nutzen würde. Klar in der Blümchenwelt der CDU hat jeder Kinder zu Hause. Aber die meisten Menschen leben ohne Kinder in Deutschland und wenn gibt es gerade mal 12 kritische Jahre von 6-18.

    Comment by Mo — Prickle-Prickle, 28th Confusion, 3175. @ 30488

  2. Das wäre doch mal ein toller Use Case für den ePA: Bevor ich online gehen kann, muss ich mich beim ISP mit meinem ePA anmelden und der sperrt dann alle Seiten, die für mein Alter nicht angemessen sind.

    duck

    Max

    Comment by Max — Prickle-Prickle, 28th Confusion, 3175. @ 32999

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"The great tragedy of Science - the slaying of a beautiful hypothesis by an ugly fact." - Thomas H. Huxley

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