The Turkey Curse
fukamis terror chatroom

Warum bestimmte Regularien und Politiker gefährlicher als bombenlegende Hacker sind

Boomtime, 22nd Chaos, 3173.

Ich habe die letzten Tage einige Geschichten zu dem seit etwas über einem Jahr schwellenden Telecom Italia-Skandal erfahren. Die Affäre ist in ihrer Gesamtheit zu unübersichtlich und weit verzweigt, um sie in 2-3 Sätzen abzutun. Zudem kann man sich bei einigen Details leicht auf’s Glatteis begeben, so dass ich nicht konkreter auf das eingehe möchte, was da im Einzelnen alles passiert ist, und eine Menge Details sind Spekulation. Der interessierte Leser möge sich bitte selbst um die entsprechenden präziseren Informationen kümmern. Ich sehe dennoch darin ein interessantes Lehrstück über die Macht, die mit bestimmten Regularien bestimmten Unternehmen, Institutionen oder Personen gegeben wird, die das Ausnutzen zu allen möglichen privaten, geschäftlichen oder politischen Zwecken einfach zu verlockend — und für die Gesellschaft sehr verhehrend — macht.

In einem schrägen Seitenaspekt im TI-Skandal wurde das System, welches Abhörschnittstellen für Strafverfolger bereitstellt, dazu missbraucht, jederzeit jeden, der über die TI-Netze kommunizierte, am “eigentlichen” Zweck vorbei (sprich: im gesetzlich festgelegten Rahmen) in Real-Time zu abzuhören und zu überwachen — was eine Menge Leute betraf, da TI praktisch mehr noch als die Deutsche Telekom und deren Töchter das Netz in Italien beherrscht. Diese Möglichkeit wurde rege in Anspruch genommen, vor allem um belastendes Material über potenzielle Gegner wie Journalisten, Anwälte oder einfach andere mächtige Player zu bekommen, aber auch um Leute zu erpressen, auf deren Dienste man aus dem einen oder anderen Grund nicht verzichten wollte. Dieses Material über sexuelle Vorlieben, Verbindungen oder nicht-koschere Geschäfte hat sich über die Zeit natürlich zuhauf angesammelt und wurde entsprechend zum richtigen Augenblick geleakt (den Juventus-Fall z.B. ist dabei ein auch bei uns bekannteres Beispiel). Möglich war das alles aus verschiedenen Gründen: Der Chef der TI benutzte wohl dieses System um private und geschäftliche Konkurenz zu kontrollieren, ein ihm bekannter Geheimdienstler fand ebenfalls gefallen an den Möglichkeiten, später einige Polizisten, Journalisten, Politiker und weitere Beteiligte, wie z.B. eine private Sicherheitsfirma, die sich davon eine Menge versprachen. Dieses System arbeitete war im Kern sehr einfach: Jemand aus der Gruppe, der irgendwelche Infos haben wollte, erhielt diese au Zuruf. Oder es wurden einfach Polizisten oder andere Schnüffler eingesetzt, um Leute in real life zu überwachen. Andererseits wurden die Informationen weitergereicht, wenn gegen Beteiligte irgend etwas vorlag oder Ermittlungen angestrengt wurden.

Wir haben also hier einen Fall, in dem nicht “von unten” eine Penetration stattfand, sondern “von oben”. Moderne Technologie ist dazu angetan, ganze Staaten samt Repräsentanten und sonstiger Bewohner zu kontrollieren und manipulieren. Missbrauch ist leicht denkbar, nicht nur in Ländern wie Italien, in denen Korruption und Mafia-ähnliche Strukturen sowieso an der Tagesordnung zu sein scheinen, nein, das passiert hier in Deutschland ganz genau so, und die Möglichkeiten etwas dagegen zu tun sind nicht wirklich üppig. Mir fällt zum Beispiel der Fall eines Wirtschaftsministers ein, der zu einem Unternehmen wechselte, das er in seiner Regierungszeit zu kontrollieren hatte. Und dies ist wirklich kein Einzelfall, eher im Gegenteil: Politiker gehen ganz offen mehr und mehr dazu über, nachdem sie eine bestimmte Stufe erreicht haben, daraus eine Vorteilsnahme zu machen und missbrauchen letztendlich das durch Wahlen in sie gesetzte Vertrauen um sich persönlich zu bereichern.

Wenn der Missbrauch so attraktiv ist wie der, jederzeit alle Daten über alle Bürger erhalten zu können, wird dieser stattfinden, und zwar nicht durch Eindringlinge von aussen, sondern von Innentätern, die das Verständnis der Vorgänge und die Möglichkeit des Missbrauchs haben. Vielleicht wird dieser Missbrauch sogar hier oder da gesetzlich legitimiert, aber Missbrauch ist das aus meiner Sicht trotzdem.

Der parlamentarische Staatssekretär Thomas Rachel (CDU) gab jüngst folgenden Auswurf von sich:

Wichtige Infrastrukturen wie zum Beispiel die Telekommunikationsnetze hängen stark von Computertechnik ab. Deshalb müssen wir der Gefahr begegnen, dass ein Hacker genau so viel Schaden anrichten könnte wie ein Bombenleger.

Hacker handeln in dem Allgemeinen aus ethischen Motiven oder aus Spass an der Sache. Sie beschäftigen sich mit Dingen, die sie interessieren und veröffentlichen was sie finden, manchmal auch auf die Gefahr hin, dass andere Menschen mit weniger ethischen Motiven dieses Wissen für fragwürdige Aktionen nutzen — denn nur das bietet allen Betroffenen die Möglichkeit, entsprechend zu handeln. Als Techniker versuchen sie technische Probleme zu lösen und stossen dabei oft (und immer öfter) auf gesellschaftliche Probleme, die oft (und immer öfter) durch verpeilte, verblendete, korrupte oder zumindest verführte Politiker überhaupt erst entstanden sind oder sich grade in verschiedenen Beratungs- und Planungsstadien befinden.

Diese Ethik kann ich, mit Verlaub, bei den allermeisten Polikern nicht finden. Politiker sind ja nicht einmal bereit, sich selbst zu verpflichten, nach ihrem Ausscheiden aus der Politik nicht in der privaten Wirtschaft die Vorteile auszunutzen, die sie durch ihr Insiderwissen erworben haben. Oder ihre Einkommen durch Beraterverträge zu offenbaren. Es sind übrigens Politiker, die Anweisungen geben, Menschen in Foltergefängnissen verrotten zu lassen und Menschen an bekanntermassen folternde Nationen auszuliefern oder zumindest wegschauen (und ich kann mich an keinen Fall erinnern, in dem solche Vorgänge durch Hacker initiiert wurden). Es sind natürlich auch Politiker, die darüber entscheiden, Länder und Städte bombardieren zu lassen, deren Namen sie nicht mal richtig aussprechen können. Und es sind auch Politiker, die darüber entscheiden, Technologien einzusetzen, die nicht beherrschbar sind, tun aber so, als würden sie verstehen wovon sie reden. Ich kenne übrigens auch keinen Fall, in dem überhaupt durch Hacker oder einen Hack irgendwer zu Tode kam oder auch nur verletzt wurde.

In diesem Fall redet ein Politikwissenschaftler und ehemaliger Angestellter bei der Wirtschaftsvereinigung Stahl, dessen technische Expertise wohl kaum dazu angetan ist, auch nur einen einzigen Satz zum Thema “Gefahren durch Computertechnik” fallen zu lassen.

Solange wir zulassen, dass uns solche Leute terroristische Tendenzen vorwerfen und dies als Argument für mehr Überwachung und massive Einschränkung unserer Rechte herhalten muss, werden wir wohl damit leben müssen, eines Tages als Shellbenutzer wegen unerlaubten Waffenbesitz ranzukommen.

[ via Netzpolitik ]

---

No Comments »

No comments yet.

RSS feed for comments on this post.

Leave a comment



"The future is here. It's just not evenly distributed yet." - William Gibson

The Turkey Curse is powered by WordPress, template idea by Priss

Entries (RSS) and Comments (RSS).
Generated in 0.253 seconds.