The Turkey Curse
fukamis terror chatroom

Ulrike Maria Meinhof

Setting Orange, 24th Confusion, 3172.

Ulrike Meinhof

Im Rahmen der Reihe “Die Bonner Republik” wurde letzten Freitag in der Oper Bonn das Tanztheaterstück Ulrike Meinhof letztmalig aufgeführt. Entstanden schon 1990 begann das Ganze mit einer Zustandsbeschreibung der Wendezeit, die mich anfänglich ziemlich aufregte, weil ich vermutete, dass diese Malen-nach-Zahlen-Bilder das Stück bestimmen würden. Aber ich hatte mich glücklicherweise darin komplett getäuscht: Das Stück war nicht nur gut sehr inszeniert und choreographiert, auch die Bühnenbilder waren richtig toll. Das Stück erzählte bruchstückhaft die Lebensgeschichte Ulrike Meinhofs, und die mit ihr verbundene Zeit des heissen Herbstes, in dem, ähnlich wie 2001, eine Menge sehr komischer Gesetze ins Leben gerufen wurden, und in der Hysterie irgendwann ein Krieg entstand, der bis heute seine Nachwehen hat. Jedenfalls fand das Stück in einer Form seinen Ausdruck, der mir mehr als einmal kalte Schauer über den Rücken laufen liess.

Das war nun also innerhalb kurzer Zeit schon das zweite Mal, dass ich mit der Nase auf diese Person der jüngeren Zeitgeschichte gestossen wurde (das andere Mal war ein Artikel über die Biographie, die von der Tochter jüngst veröffentlicht wurde). Interessant für mich persönlich ist dabei die Erinnerung daran die schon fast vollkommen vergessen hatte, dass ich als 14/15 jähriger in Bilder von Ulrike Meinhof verliebt war.

Anfang der Achtziger hatte ich schon meine ersten traumatischen Erlebnissen auf Demos hinter mir, auf denen ich, als friedlicher Demonstrant, heftige Prügel durch Polizisten eingestecken musste. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, welche Demos das im Einzelnen waren — Anti-AKW, erster Mai oder sowas. Ist im Grunde genommen auch egal. Ich konnte eine gewisse Sympathie für die RAF und deren Anschlagsziele auf Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft nicht verhehlen, war im Kern aber eigentlich Fan eines eher fnordigen Spassguerilla-Ansatzes denn eines bewaffneten Kampfes. Auch damals habe ich mich schon ziemlich mokiert über die seltsame Einseitigkeit in Berichten über den “linken Terror”, weil in der Zeit um den heissen Herbst rum, als die RAF ca. 30 Leute ermordet hatte und etwa 20 Leute aus deren Reihen auf verschiedene Art zu Tode gekommen waren, durch den rechten Terror, der nur sehr sporadisch überhaupt als solcher erwähnt wurde, wesentlich mehr Leute getötet und verletzt wurden (siehe Wehrsportgruppe Hoffmann und den Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980).

Ich hatte damals 2 kleine Bilder von Ulrike Meinhof aus Zeitschriften ausgeschnitten und hatte diese in meinem Portemonnaie ständig bei mir (und hatte auch einige Male bei Verhaftungen richtig Ärger deswegen). Ich kann nicht mehr sagen, ob die Bilder aus einer Zeit vor oder nach ihrem Weg in den Untergrund aufgenommen wurden, ich erinnere mich aber noch genau, dass mich ihr ernsthaftes Wesen faszinierte. Ich las einige ihrer Konkret-Artikel und habe so ziemlich alles verschlungen, was sich mit ihr beschäftigte. Irgendwie vermittelte sie für mich das Bild, dass Kampf, Widerstand und Befreiung irgendwie sexy und trotzdem etwas Wichtiges und Ernstes ist. Damals hatte ich allerdings auch noch keine wirklich so tollen sexuellen Erfahrungen. Rückblickend betrachtet wundert mich jedenfalls überhaupt nicht, dass ausgerechnet sie _das_ Postergirl für eine romantisierte Vorstellung einer “Revolution” diente: Hoch intelligent, äusserst gutaussehend, entschlossen aber trotzdem ganz offensichtlich sensibel und verstört.

Heute muss ich darüber schmunzeln. Vieles was ich damals über die RAF und ihre Mitglieder, den Kampf gegen Schweinestaat und Kapatalismus gedacht habe, hat sich ziemlich relativiert. Ja ich bin wohl mit den Jahren sowas wie ein Demokrat und “guter” Staatsbürger geworden, der sich sehr um den Bestand unser Gesellschaft, deren Entwicklung und hart erkämpften politischen und sozialen Errungenschaften grosse Sorgen macht und mittlerweile mit aufrichtiger Bewunderung und Hoffnung gen Karlsruhe als eine der letzten Bastitionen gegen allzu grosse Einschnitte der Bürgerrechte und persönlicher Freiheit blickt. Das heisst aber auch nicht, dass ich die Analysen über den Zustand unserer Gesellschaft nicht doch in Auszügen teilen würde, mit dem Unterschied, dass ein Grossteil der im Dritten Reich tätigen und in die damalige neue Bundesrepublik übernommen Staatsdiener mittlerweile einfach verstorben oder zumindest verrentet sein sollten.

Jedenfalls finde ich es nach wie vor wichtig, sich mit der Geschichte der RAF, die der einzelnen beteiligten Personen, die Zeit der Nach-68er und der dort vorherrschende Stimmung auseinander zu setzen, die Beteiligung von Seiten des Staates beim Aufbau dieser Gruppe und deren Mythos zu beleuchten sowie der Frage, was es heutzutage aus dieser Geschichte zu lernen gilt. Es gibt dort meiner Meinung nach immer noch eine Menge Dinge zu diskutieren, und eigentlich sollte es an der Zeit sein, das in einer Atmosphäre zu tun, die nicht ausschliesslich von paranoia geprägt ist. Gute Ansätze zumindest im Künstlerischen gibt es ja schon eine ganze Weile (z.B. Die Stille nach dem Schuss), trotzdem reicht das natürlich nicht. Denn letztendlich gibt es beide Seiten, die Fraktion der Sicherheitsfanatiker und die der Leute, die die Auflösung der bürgerlichen Freiheiten befürchten, und die Frage ist und bleibt, wie man gesellschaftlichen Diskurs schafft, der nicht wieder in einem bewaffneten Kampf endet, der nichts erreicht und niemandem etwas nützt.

---

No Comments »

No comments yet.

RSS feed for comments on this post. | TrackBack URI

Leave a comment



"The tooth fairy teaches children that they can sell body parts for money." - David Richerby

The Turkey Curse is powered by WordPress, template idea by Priss

Entries (RSS) and Comments (RSS).
Generated in 0.037 seconds.