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Auf den Schultern von Giganten

Sweetmorn, 8th Discord, 3172.
Music fukami 86048 3 Comments | Trackback URI

In einem Gespräch mit Jens am heutigen Tage, dessen Auslöser eigentlich der unsägliche Artikel im Spiegel über Grup Tekkan und ihren ach so schlimmen “geistigen Diebstahl” von Text und Musik war, und in dem es um die Entwicklung menschlichen Wissens ging, hat er mich auf ein sehr schönes Gleichnis hingewiesen, dass genauso gut auf die Entwicklung menschlicher Kultur im Allgemeinen und im Speziellen zutrifft. Ich bemühe dafür mal etwas ausführlicher die Wikipedia:


Das Gleichnis von den Zwergen auf den Schultern von Giganten (auch: auf den Schultern von Riesen) bezeichnet die Charakteristik wissenschaftlichen Arbeitens: Die Giganten sind die früheren Wissenschaftler, auf deren Schultern Generationen späterer Wissenschaftler ihre Forschungsarbeiten aufbauen; es soll Bewusstsein für die Vorleistungen anderer schaffen.

Ein Ausspruch, der in der Regel irrtümlich Isaac Newton (1643-1727) zugeschrieben wird:

If I have been able to see further (than you and Descartes), it is because I have stood on the Shoulders of Giants (Wenn ich weiter sehen konnte (als du und Descartes), so deshalb, weil ich auf den Schultern von Giganten stand. Brief an Robert Hooke, Feb. 5, 1675/76).

Man kann das Gleichnis Auf den Schultern von Giganten auch auf Bernhard von Chartres um 1130 zurückführen, der dabei angeblich ein Zitat von Lucan aufgriff:

Pigmaei gigantum humeris impositi plusquam ipsi gigantes vident. (Auf die Schultern von Riesen gestellte Pygmäen sehen mehr als die Riesen selbst.)

Der genaue Weg der Überlieferung dieses Zitats ist nicht mehr feststellbar. Sein Ursprung war mutmaßlich der antike Mythos von Kedalion, der auf den Schultern des blinden Riesen Orion saß und ihn führte. Didacus Stella griff das Zitat im 16. Jahrhundert auf. Robert Burton (1577-1640) zitierte Didacus Stella im 17. Jahrhundert und formulierte:

Though there were many giants of old in physics and philosophy, yet I say with Didacus Stella, ‘A dwarf standing on the shoulders of a giant may see farther than a giant himself;’ I may likely add, alter, and see farther than my predecessors […].(Obwohl es früher viele Giganten der Physik und Philosophie gab, halte ich es doch mit Didacus Stella: „Ein Zwerg, der auf den Schultern eines Giganten steht, wird weiter sehen können als der Gigant selbst“; ich könnte wahrscheinlich etwas hinzufügen, ändern und weiter sehen als meine Vorgänger […]. Anatomy of Melancholy, 1621)

[…]

Friedrich Schiller verwendet in der Xenie _Kant und seine Ausleger_ ein verwandtes Gleichnis:

Wie doch ein einziger Reicher so viele Bettler in Nahrung / Setzt! Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu tun.

Auch Eric Steven Raymond verwendet das Gleichnis und bezieht es auf die Hackerkultur:

Offensichtliche Parallelen zur Geschenkkultur der Hacker […] gibt es in der akademischen Welt sehr viele. […] die wissenschaftliche Forschung [beruht] wie die Hackerkultur auf der Idee […], daß die Teilnehmer ‘auf den Schultern von Riesen stehen’, also nicht immer wieder von vorne anfangen müssen, um die grundlegenden Prinzipien selbst zu erarbeiten” (aus Homesteading The Noosphere).

Hal Abelson, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wird folgende Variante des Gleichnisses zugeschrieben. Sie drückt auf amüsante Weise aus, dass Wissen und Wissenschaft auch immer wieder hinterfragt werden müssen, um wissenschaftliches Neuland betreten zu können und Dogmen zu vermeiden:

If I have not seen as far as others, it is because there were giants standing on my shoulders. (Wenn ich nicht so weit sehen konnte wie andere, so deshalb, weil Giganten auf meinen Schultern standen.)

[…]


Jedenfalls finde ich persönlich, dass es vollkommener Unsinn ist, sich über “Urheberschaft von Musik”, zumal wenn es solche Lala ist, Gedanken zu machen. Kopieren und Nachmachen ist nun einmal Teil unserer Kultur, und es lässt sich im Kern nicht mehr feststellen, wer oder was _tatsächlich_ die Source eines Stückes, einer Melodie, eines Beats, ist. Jeder Künstler fügt unserer Kultur seinen Teil hinzu, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Selbst Musiker wie Bach, Beethoven, Miles Davis, Roy Orbison, Herbie Hancock oder Afrika Bambataa haben ja ihre Musik nicht im luftleeren Raum entwickelt, sondern konnten sich auf eine hunderttausende Jahre währende und nicht abgeschlossene Entwicklung beziehen von dem, was den Menschen vom Tier unterscheidet: Die Benutzung von teilweise hochkomplexen Klangerzeugungs-Werkzeugen zur Erheiterung, zur Öffnung des Herzens oder zum Ausdruck von Schmerz, Zorn und Sehnsucht.

Wenn jetzt auf so ein paar Jungs rumgehackt wird, die sich ihre, auch digitalen, Umwelt bedienen, dann kann ich nur sagen: Sechs, setzen, Spiegel. Der Versetzung wird nicht stattgegeben. Ihr seid mit eurem “investigativem Journalismus” nicht nur keinen Deut besser als diese verlogene Musikindustrie, nein, ich finde euch noch wesentlich unerträglicher, weil die Motive der Industrie zwar verwerflich, aber zumindest klar sind. Ihr aber tut so, als hättet ihr irgendwas verstanden, und das, mit Verlaub, habt ihr wirklich gar nicht.

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3 Comments »

  1. “Kopieren und Nachmachen … wer oder was tatsächlich die Source eines Stückes, einer Melodie, eines Beats, ist.”
    Lustig das aus 6 Sekunden angestrengten Kopieren eine ganze Musik Kultur entstanden ist, dessen Urheber sein Copyright nicht gelten gemacht hat und es jetzt 40 Jahre später 5 Copyrights von 5 Personen auf genau diesen Beat/Break gibt.
    http://nkhstudio.com/pages/amen_mp4.html

    Comment by Steve — Boomtime, 9th Discord, 3172. @ 7797

  2. Hi Fukami,

    ich lese die Kritik des Spiegel-Artikels eher so, dass er kritisiert, dass sogar so Leute wie Universal es nicht einmal Wert schätzen die Urheber eines Werkes zu nennen, noch nichtmal zu ermitteln. Gerade Universal sollte -das von ihnen so hoch gehaltene- “geistige Eigentum” doch eigentlich am ehesten respektieren oder nicht ?
    Leute die Musik aus Spaß an der Freude und nicht aus Geldgier machen, sehe ich vom Spiegel auch gar nicht kritisiert (eher umgekehrt, siehe Passage über Michael Manu) und somit ist mir die Recherche auch eher sympatisch, weil sie -in meinen Augen- vieleicht auch ein bischen zeigt, dass manche unserer heutigen “Superstars” ohne Limewire und Co. eigentlich gar nicht da wären.

    Aber vielleicht liegt es auch einfach an der späten Stunde, dass ich mir das Ganze verkehrt lese, damit gute Nacht.

    (3)
    ~

    Comment by 3 — Boomtime, 9th Discord, 3172. @ 22242

  3. Ja, wer hätte noch vor einer Woche gedacht, dass die drei so viel Erfolg haben. Die Single ist heute herausgekommen. Für alle, die das Lied überhaupt noch hören können, gibt’s hier die
    Karaoke Melodie

    Comment by Roger — Pungenday, 10th Discord, 3172. @ 55494

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