The Turkey Curse
fukamis terror chatroom

Vom Reden und Schweigen und der Angst vor Fehlern

Sweetmorn, 29th The Aftermath, 3171.

Wer mich etwas kennengelernt hat weiss, dass ich viel und gerne rede und reflektiere. Der Grund liegt, denke ich, u.a. darin, dass ich als Kind schwer sprachbehindert war, eigentlich erst deutlich nach meiner Schulzeit richtig sprechen gelernt und damit offensichtlich bis heute nicht mehr aufgehört habe. Ich denke aber auch behaupten zu können, dass ich nicht nur zum Selbstzweck vor mich hin brabble, sondern meist grosses Interesse für meine Umwelt und die sich darin bewegenden Menschen mit ihren Gefühlen, Gedanken und Problemen und den allgemeinen und speziellen Zuständen aufbringe, dabei auch teilweise über’s Ziel hinaus schiesse.

Reden dient für mich in erster Linie dem Verstehen, da ich offensichtlich am Besten nachdenken kann wenn ich verbal kommuniziere. Ich bin also das was man einen “Laut-Denker” nennt. Grade wenn man sich mit sehr verschiedenen Dingen parallel auseinandersetzt, in denen Menschen eine nicht unwesentliche Rolle spielen, ist man auf die Reflektion durch Andere angewiesen, weil der andere Blick die Möglichkeit zur Korrektur bzw. zum Überdenken eigener Positiionen sorgen kann, und muss. Mir ist Inzest ein Gräuel, genau wie permantente Nabelschau.

Das mag jetzt wie eine alte, tausend Mal gehörte und gelesene Weisheit klingen, aber ich stelle immer wieder fest, dass viele Leute es eben doch vorziehen, eher nicht zu kommunzieren. Teilweise mag diese Strategie sogar aufgehen, zumindest um kurzfristig unangenehmen Gedanken, Inhalten und Entscheidungen aus dem Weg zu gehen, aber langfristig betrachtet ist diese Strategie fatal. Am Allerschlimmsten ist für mich aber ein Verhalten, wo Menschen an Punkten nicht kommuzieren wo dies nötig wäre, sondern die Dinge in sich reinfressen und dann irgendwann alles auf einen Schlag auf den Tisch knallen. In solchen Situationen ist dann meist sowieso alles zu spät, weil Frust, der lange vor sich hin kocht, selten wirklich konstruktive Wege offen lässt. Ich persönlich mag es sehr, wenn man sofort über die Dinge redet, auch wenn es anstrengend sein mag, einfach aus dem Grund, damit klare Ansagen existieren und das Gegenüber weiss woran er ist. Ebenso fatal ist, wenn man ein Problem vorbringt und keinerlei offene Reaktion bekommt. Daran verzweifle ich sogar fast noch mehr.

Gestalten ist, im Gegenstz zum Zuschauen oder MItmachen, ein Vorgehen, bei dem man, ob man will oder nicht, sehr viele Fehler macht. Wenn man sich aus dem einen oder anderem Grund zum Gestalten berufen fühlt, muss man einerseits ein dickes Fell entwickeln und andererseits bereit sein, Fehler jeder Grössenordnung zu erzeugen. Die meisten Fehler entstehen meiner Ansicht nach, weil nicht alle Informationen im Fokus sind, die zu einer richtigen Entscheidungsfindung nötig sind, und selbst dann ist es möglich gar unglaubliche Fehler zu machen. Zum Anderen kann auch eine bestimmte Laune fatale Folgen haben, in der man für einen kurzen Augenblick denkt, den Plan Gottes(tm) zu erkennen, was sich dann aber doch als brutalstmögliche Fehleinschätzung herausstellt. Ich persönlich finde jedenfalls, dass Fehler aller Art fast noch wesentlich wichtiger sind als Erfolg, weil ich ganz fest daran glaube, dass dieser Erfolg langfristig betrachtet einen wesentlich kleineren Erkenntnisgewinn. Das soll aber auch nicht heissen, dass es mir einzig und allein um Erkenntnisgewinn geht. Ich finde es auch spitze, wenn die Dinge klappen.

Man kann diese Strategien als Schwäche auffassen, oder sogar als Rückratlosigkeit, wie mir erstaunlich oft vor allem von Leuten vorgehalten wird, mit denen ich noch nie was zu tun hatte bzw. mit denen ich eigentlich nicht wirklich was zusammen gemacht oder zumindest viel Zeit verbracht habe. Aber ich stehe dazu, auch wenn ich weiss, dass die Art zu denken IRL einen Haufen wirklich grosser Probleme zur Folge hat. Die Welt funktioniert anders, es geht um Macht, um monetäre Vorteile, darum Recht zu behalten. Um nicht einen falschen Eindruck zu erwecken: Ich erzeuge nicht mit Absicht Fehler, nur um Fehler zu machen und mich daran zu erfreuen. Ich habe nur relativ wenig Angst davor welche zu machen.

Ich hatte vor einigen Tagen ein wirklich bemerkenswertes Gespräch, in dem es darum ging, welche Jobs es gibt, in denen Fehler machen ein wichtiger Aspekt ist oder zumindest toleriert wird. Seltsamerweise sind uns eigentlich ausserhalb der Forschung keine eingefallen, dafür aber eine schier endlose Anzahl an Jobs, bei denen man Lügen, Betrügen, stehlen oder andere Formen des Übervorteilens aktiv oder passiv betreiben muss (auch wenn man dafür meist eher wohlklingende Aphorismen findet oder sich das im schlimmsten Fall selbst antut).

Okay, wo ist mein Punkt? Mein Punkt ist, dass ich zum Einen die Rohform dieses Textes schon vor einer ganzen Weile geschrieben habe, grade eben erst wieder entdeckt habe und mit Erstaunen feststelle, dass sich meine Wahrnehmung vieler Situationen, auch wenn sie im Kern anders sind, doch ziemlich gleichen. Offene Rede scheint nicht jedermanns Sache zu sein. Zum Anderen sehe ich jetzt grade mehrere aus meiner Sicht brenzlige Situationen, in denen man sich schlicht weigert, mit mir zu reden oder mir Antworten zu geben. Ich bin mir vollkommen unklar, ob ich da Fehler gemacht habe, und wenn ja, sagt es mir bitte, denn wir müssen irgendwie miteinander klar kommen. Oder vielleicht bin ich da auch einfach grade etwas zu empfindlich, dann reicht mir aber auch dazu ein kurzes Statement, denn ich denke, ich bin eine eine verständige Person.

Wohlwissend, dass es einige Leute geben wird, die sich fragen werden “Was hat er denn nun schon wieder?” ist das ein sehr ernst gemeintes Statement. Ich bin nicht endlos mental belastbar, auch wenn ich grade keinen Stress durch feste Arbeit oder Familie oder ähnliches habe, und noch nicht wirklich an meinen Grenzen bin. Ich bin aber mit annährend 40 einigermassen gut in der Lage, meine Verfassung zu deuten.

---

2 Comments »

  1. hey fukami,

    es ist lange her, dass mir jemand, den ich nur oberflächlich kenne, derart aus der seele gesprochen hat.

    viele konflikte entstünden gar nicht, wenn die menschen mehr miteinander reden würden.
    fehler sind da, um daraus zu lernen und dieses neue wissen anzuwenden. das ist die basis jeglicher entwicklung! daher ist es kein wunder, dass du entsprechende jobs nur in der wissenschaft gefunden hast.

    ich wünsch dir alles gute
    stef

    Comment by stefan — Sweetmorn, 29th The Aftermath, 3171. @ 46104

  2. hm interessante ansicht ueber fehler. kann ich so unterschreiben wie es dasteht.
    wenn irgendwelche zwiste in der luft liegen wo du dir keines fehlverhaltens bewusst bist wirst du die sicher nicht weiterkommen wenn du darauf wartest das dein “opponent” auf dich zukommt und sagt “hey fukami lass uns reden” - auf jemand zukommen um probleme zu klaeren ist naemlich nicht jedermanns sache wie du schreibst.
    von daher ist es wohl immer besser selbst den ersten schritt zu machen … k.a. ob das in deinem fall geht.

    Comment by Lolli — Sweetmorn, 29th The Aftermath, 3171. @ 55188

RSS feed for comments on this post. | TrackBack URI

Leave a comment



"If God wanted us to fly, He would have given us tickets." - Mel Brooks

The Turkey Curse is powered by WordPress, template idea by Priss

Entries (RSS) and Comments (RSS).
Generated in 0.088 seconds.