The Turkey Curse
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Prickle-Prickle, 35th Bureaucracy, 3171.
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Den August über habe ich mich eine Weile in Köln aufgehalten, um mich an der Pirateria zu beteiligen. Einigen Leuten ist wahrscheinlich bis zum Schluss etwas unklar gewesen was es ist, und meine Meinung zu der Sache ist natürlich vollkommen subjektiv und sagt nichts darüber aus, was die Pirateria _wirklich_ ist oder war. Manuel hat übrigens seine sehr lesenswerte Version schon in seinem Blog veröffentlicht.

Ich will versuchen anhand verschiedener Aspekte zu beschreiben, was es mir persönlich bedeutet.

__Ausgangsposition__

In Städten wie Köln ist, wie fast überall im Westen, der Raum für freie Kultur eher spärlich. Es gibt eine ganze Reihe instutionalisierter Kultur, die sich vor allem an speziellen Orten manifestiert: Opern- und Konzerthäuser, Museen, Galerien, Theater, Clubs, Kinos, teilweise staatlich gefördert, teilweise privatwirtschaftlich geführt, aber in den allermeisten Fällen wird dort eine “Kultur des Zuschauens” zelebriert. Die Mitarbeit des Gastes und Betrachters beschränkt sich meist auf den Konsum der ihm dargebrachten Werke, in manchen wenigen Fällen darf er Mitmoschen und -grölen und für diesses kulturelle Vergnügen einen Betrag X abdrücken. Die dargebrachten Werke sind, je nach Kunstform und Art des Ortes, mehr oder weniger hart am Markt - die privatwirtschftlichen wahrscheinlich etwas mehr und als die geförderten. Dabei dienen jene Teile der “Hochkultur” wie z.B. die Oper fast als reine Gralshüter einer bestimmten Form von Kultur. Um Mitspielen zu können bedarf es also der richtigen Dosis Vitamin B, eines Wissens um die Spielregeln und das des jeweiligen Marktes. In den Stätten der künstlerischen Ausbildung steht mehr und mehr die Ausformung des Künstlers als funktionierendes Wesen innerhalb dieser Strukturen im Mittelpunkt, als die Schaffung von Visionen gefördert.

Daneben gibt es eine gelebte Kultur, und grade in Köln gibt es, vielleicht sogar mehr als vielen anderen Ort, eine gewissse Kultur des Alltags, dem man sich nur schwer bis gar nicht entziehen kann - das kann bei Kölsch am Büdchen anfangen und bei der Nubbelverbrennung aufhören - einer Kultur also, die das Miteinander prägt und dem einen oder anderen Aspekt des Vergessens, des Gemeinschaftsgefühls, der Überwindung von Unsicherheit, der Erfüllung von Sehnsüchten oder des Abbaus von Aggression und individueller Schuld dient und als jeweils kulturell akzeptiert gilt. Sonstige Äusserungen individueller Art sind also nur in kulturell eng umgrenzten Rahmen möglich, und wird dieser Pfad verlassen drohen teilweise empfindliche Strafen. Ausnahmen finden sich nur noch in irgendwie gut organisierten und teilweise kommerziellen Umfeldern: “Schmerz for fun and profit” in Dominastudios, Malen-nach-Zahlen, Karaoke, Tätowieren lassen, Bungee-Jumping oder Hacker-Conventions, das sind alles Dinge, die für Leute bestimmten Interesses wegen relevant sind und genutzt werden, um gewisse Grenzerfahrungen zu machen oder sogar Grenzen zu überschreiten, ohne dass, wie sonst normalerweise im Alltag, Strafe oder Ächtung droht.

Ausgehend von oben erwähnten Zuständen kommt die Frage auf, wie innerhalb eines solchen Systems reale kulturelle Entwicklung vonstatten geht, die nicht sofort und per se illegal ist oder durch manipulative Eingriffe erzeugt wurde. Wenn man es genau nimmt bleiben leztendlich tatsächlich nur guerilla-artige Aspekte übrig, von Graffiti über die Umwidmung von Werbefläche, Besetzung leerstehenden Raums, Veranstalten illegaler Konzerte und Parties bis zu subtileren Spässen wie Fahrräder hacken oder das Einbringen von Gedichten in Frühstücksflockenpackungen.

In unserer Gesellschaft ist alles irgendwie stark reglementiert, und wer schon mal versucht hat, einen legalen Ort mit Publikumsverkehr zu entwicklen wird sofort in nervöse Zuckungen verfallen. Diese Regeln begrenzen von vorn herein die möglichen Wege, die so ein Ort nehmen kann und natürlich ganz entscheidend, was in diesem Raum entstehen kann. Anders bei Konstruktionen in Orten, die nur einen Augenblick lang existieren und keinen expliziten Plan verfolgen - in gewisser Weise einfach nur _da_ sind. Dort können Ausdrücke geformt werden, die sonst keine Entwicklungsmöglichkeit hätten und Fehler gemacht werden, die man sich sonst nicht leisten kann.

__Pirateria__

Als Ort für Pirateria diente für 2 Monate eine alte, ziemlich runtergekommene Schiffsschraubenfabrik im Kölner Stadtteil Ehrenfeld, in Sichtweite zum Leuchtturm von Helios, einer Fabrik, die früher Leuchtturmlampen hergestellt hat und diesen Turm als eine Art Werbegag hat bauen lassen. Die Halle stand mehr oder weniger 15 Jahre leer. Während der Zeit haben sich Altstoffhändler an der Halle zu schaffen gemacht und z.B. die Zinkdachrinnen abmontiert und verkauft, was der allgemeinen Baussubstanz sehr geschadet hat. Ausserdem waren dort immer mal Sprayer am Werk und einige Spassvögel haben sich eine Gaudi daraus gemacht, die Halle systematisch zu entglasen.

Der Besitzer der Halle hat in kindlichen Vergnügen nicht viel mehr gemacht als mal mit einem Bagger Schutt von einer Ecke in die andere zu räumen und einen kleinen Teil der Halle im ersten Stock an einen überaus netten und hilfsbereiten 50jährigen Kasachen vermietet, der sich dort über die letzten sieben, acht Jahre eine recht ansehnliche Werkstatt hergerichtet hat. Ansonsten war dort eigentlich nichts weiter los. Auf dem Gelände selbst sind noch zwei andere Hallen. Die Eine wird genutzt als Kletterhalle, die Andere ist wohl privat vemietet.

Die eine Stirnfront der Halle ist verglast, die andere Stirnfront offen. Eigentlich ist die mit einem nicht mehr funktionstüchtigen Mechanismus ausgestattet, mit dem sie verschliessbar ist. Das Ganze macht, oberflächlich betrachtet fast den Eindruck eines Hangars. Wenn man sich aber die ursprüngliche Aufgabe des ganzen Gewahr wird, ist klar, dass diese Öffnung schlicht dem Abtransport der Schiffsschrauben diente. Diese wurden wahrscheinlich an dem riesigen Haken, der an einem beweglichen Kran gefestigt war, durch die Halle bugsiert und von dort aus in die Vulkanhalle einen Steinwurf entfernt verbracht.

Ansonsten besteht der Bau aus viel Beton, die Aussenwände sind teilweise aus rotem Klinker und der Innenraum hat den klassischen Aufbau einer Kathedrale, mit Seitenschiffen, zwei Geschosse, jeweils etwa fünf Meter hoch, während das Gebäude im Ganzen schätzungsweise etwa 15 Meter hoch ist. Insgesamt hat der Bau jedenfalls etwas sehr sakrales.

Zu Beginn wurden die Meisten der wirklich gefährlichen Stellen modifiziert: Aus dem Boden ragende Metallteile wurden abgeflext, Löcher auf dem Boden verdeckt, bei grösseren Einlassungen Geländer gebaut oder, falls die Löcher nicht zu tief waren,als Bühne oder Ausstellungsbereich genutzt. Trotzdem gab es immer mal wieder kleinere und grössere Unfälle.

Dieser Ort diente in der Folgezeit einer Menge Leute als Raum für eigenes Schaffen, Kommunikation aber auch Begegnung mit den eigenen Geistern, und schon die Prozedur am Eingang war etwas anderes als man es gewohnt ist: Man musste unterschreiben, dass man bewusst an einen unfallträchtigen Ort kommt, und die Leute wurden belehrt, dass man an diesem aufpassen muss wo man hintritt. Drinnen erwartete die Leute eine Mischung aus Ausstellung, Theater, Tanz, Musik - eine Menge Improvisation und Überraschungen. Es konnte schon Mal passieren, dass man angeschrien wurde und unsanft von einem Teil des Raums in den anderen getrieben wurde oder dass mit einem Mal mitten aus dem Publikum einige zu tanzen anfingen. Vieles fand, bis auf Ausnahme einiger Film-, Tanz- und Theatersachen, entweder gar nicht geprobt oder nur grob vorbereitet. Ein paar der Dinge entwickelten sich erstaunlich, andere wiederum hielten überlebten keine 3 Tage - u.a. durch äussere Umstände wie Sabine, die viel materielles an diesem Ort zerstörte und fast liebevoll als “Additional Artist” in die Annalen eingegangen ist.

Überhaupt war interessant zu beobachten, wie Strukturen entstanden und Konflikte gelöst wurden. Solche Umstände sind ein Füllhorn möglicher Überprüfung eigener Theorien zu Menschen und menschlichem Miteinander. Das gilt sowohl für rein kommunikative wie auch künstlerische, schaffende Aspekte. Die Allermeisten der Beteiligten sind irgendwann mal, entweder einer persönlichen Einladung folgend oder als Besucher einer der Veranstaltungen, dazu gestossen und wollten einfach mit tun - mit einer daraus resultierenden überaus interessanten Vermischung von Ansprüchen, Weltsichten und allgemeinem und speziellem Kunstverständnis. Was entstanden ist kann man also auf zwei Ebenen betrachten: Auf der Ebene des Ortes, an dem etwas zelebriert, insziniert, manifestiert und reflektiert wird und andererseits als Ort fast beliebiger sozialer Konstruktion.

__Die Idee__

Kulturelle Entwicklung braucht freie Räume. Grade in der Kunst existiert eine konkrete Möglichkeit, abstrakte Konzepte abzubilden und Modelle zu konstruieren, die mehr sein können als blosse kreative, soziale oder intellektuelle Sandkastenspiele.

Eigentlich leben wir in einer guten Zeit, die eine Menge ermöglichen könnte: Es gibt Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen, wir können uns aus einer Fülle an Geschichte und Geschichten satt essen und gucken was mit uns passiert, wir hätten eigentlich die Möglichkeit, unser Miteinander und unsere Themen immer wieder zu hinterfragen und explizit weiter zu entwickeln. Stattdessen werden wir Dienstleister für unsinnige Tätigkeiten, lernen, dass man sich zuviel nehmen muss, weil man sonst gar nichts bekommt, dass Geiz etwas Tolles ist, Romantik etwas für Hängengeblieben und Verlierer, Politik und Kunstinteresse was für Leute mit zuviel Zeit, dass wir, um dieselbe Sprache zu sprechen, die selben Zeitungen, Sendungen, Webseiten oder Werbespots gesehen haben müssen.

Ich möchte fast davon sprechen, dass Kunst für eine nicht kleine Anzahl von Menschen in meiner Umgebung beinahe die Funktion einer Religion erfüllt, nur das ihre Verweise und Anregungen nicht so unflexibel sind wie herkömmlicher Religionen bzw. deren gelebte Ausprägung, sprich Kirche, Fussball oder Fernsehen. Es gilt, Räume zu öffnen, die Leute dazu zu bewegen, sich mit ihren Ängsten auseinander zu setzen, sie Fehler machen zu lassen, sie in ihrem kreativen Tun zu unterstützen, ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Grenzen zu erkennen und mit diesen Grenzen umzugehen - letztendlich Kunst zu leben und diese nicht als abgehobene Metaebene zu verstehen und wahrzunehmen.

Freier Raum heisst: Raum, in dem bestimmte Regeln ausser Kraft gesetzt sind oder zumindest temporär anders definiert. Dazu muss klar sein, dass Vorschriften für Hygiene und Sicherheit laxer gehandhabt werden können, dass die Nachbarschaft, zumindest diese begrenzte Zeit, mit Lautstärke leben muss und die Leute, erwachsene Menschen, entscheiden können, ob sie sich an diesem Ort aufhalten und tun wollen oder nicht und ihnen diese Möglichkeit nicht von vorn herein genommen wird. Ich bin ziemlich fest der Meinung, dass der fehlende, natürliche Reizes der individuellen Instinktbarriere viele Menschen viel unglücklicher, hilfloser und aggressiver macht als nötig.

__Meine persönlichen Lehren__

Ich habe für mich persönlich die Wirkung unterschätzt, die die Angst auf meine individuelle Wahrnehmung dieses Ortes hatte. Erst hatte ich Angst, dass ich mir wehtue, später war die Angst um die Anderen, also vor allem um die, die diesen Ort nicht gut kannten, wesentlich grösser. War ein wirklich seltsames Gefühl manchmal.

Es hat sich mir wieder mal deutlich gezeigt, dass Reden wichtig ist, vielleicht manchmal wichtiger als alles andere. Manchmal hängt es allerdings auch von genau dem richtigen Zeitpunkt ab, damit ein Gespräch eine sinnvolle Wirkung zeigt. Aber ich habe auch gelernt, dass es manchmal nicht ausreicht, Verständnis für alle Seiten zu haben, um schmerzfreie Entscheidungen zu treffen. Notfalls gilt wie eigentlich fast immer: Wer macht hat recht.

Für mich war es eine gute Erfahrung, ein bisschen Theater spielen zu können, etwas, dem ich bisher eigentlich eher aus dem Weg gegangen bin. Ich werde das nicht besonders kultivieren denke ich mal, aber ich bin jetzt eher bereit, mich auf diese Art des Spiels einzulassen wenn möglich und nötig.

Wenn Leute wirklich etwas wollen und den Mut und die Möglichkeit haben, genau das zu tun, können ganz wunderbare Dinge dabei entstehen.

Mir ist klar geworden, dass es natürlich sehr viel leichter ist, das Ganze hochprofessionell aufzuziehen, mit Gewerbeschein und allem Pipapo, aber es ist eben kein Gewerbe und kein Geschäft, es ist etwas vollkommen anderes, etwas, dass eigentlich gar nicht in irgendeine der hochentwickelten Schubladen passt, sondern nur dahin fabuliert wird, um mit den Zeitgenossen teilweise überhaupt eine gemeinsame Sprache zu finden. Aber schon diese Annährung hat in ihren Ausprägungen eine Grenze, und zwar spätestens dann, wenn man soweit geht und einfach eine Mikronation ausruft.

Es geht um was es geht. Immer, ohne Ausnahme.

__Was noch?__

Am Ende steht natürlich die Frage, was in den 2 Monaten _wirklich_ entstanden ist. Bei aller Unschärfe kann man schon sagen, dass sich da eine Gruppe entwickelt hat, so dass letztendlich der Name des Ortes und der der Beteiligten miteinander verschmolz. Ob es eine wirklich feste Gruppe ist wage ich eigentlich im Kern zu bezweifeln, aber zumindest gehen wohl die Meisten aus dieser Zeit mit gestärktem Selbstbewusstsein und einem gewissen Drang, die eben gewonnene spirituelle Freiheit nicht so schnell wieder aufzugeben.

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1 Comment »

  1. Hi Fukami!
    Danke für diesen Text. Ich weiss nicht wirklich, wie es in der Pirateria war - aber ich habe viel über Kunst und Kultur abseits der gesellschaftlichen Richtlinien gelernt.

    Comment by Lukas — Prickle-Prickle, 35th Bureaucracy, 3171. @ 75153

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