The Turkey Curse
fukamis terror chatroom

You are a dentist

Pungenday, 67th Confusion, 3171.

Vor ein paar Jahren gab es im Umfeld von Amrep eine Band, die sich The God Bullies nannte. Die Bühnenshows, die ich von ihnen gesehen habe, gehörten wohl zu den Besten im Bereich des noisigen Guitarrensound: Verbrannte Cruzifixe, Verkleidungen und der in der Rolle eines irren Predigers brillierende Sänger Mike Hard. Ich erinnere mich immer wieder an einen Teil des Programms der letzten Tour, der total verstörend war. Das Licht ging aus, Mike Hard zog eine extrem helle Taschenlampe raus und zeige mit dem Strahl auf verschiedene Personen, die er mit “You are a dentist” oder “You are a teacher” beschimpfte. Genau daran musste ich denke als ich vor ein paar Tagen ein Gespräch hatte, das wie oft mit der harmlos scheinenden Frage begann: “Und wer bist du?”

Wie sich herausstellte wollte die Person mitnichten wissen wer ich bin, sondern was ich tue. Für mich persönlich sind das zwei paar Schuhe. Auch wenn das im ersten Augenblick selbstverständlich klingt sehe ich doch sehr häufig, dass es diese Trennung für viele auf diese Art gar nicht wirklich zu geben scheint. Auch bei mir ist sicher mein eigenes Selbstverständnis ein Stück weit davon abhängig, womit ich mich grade konkret auseinander setze. Aber im Kern ist das eine Frage, die einem immer wieder gestellt wird und bei der eine einfache Antwort zu haben manchmal auch wirklich sehr hilfreich sein kann, um gar nicht erst in ein bestimmtes Blafasel zu verfallen. Wenn man die Frage aber ernsthafter auffasst wird es schon richtig kompliziert. Ist jemand der schreibt gleich ein “Journalist” oder ein “Schriftsteller”, jemand der sich mit Computern beschäftigt ein “Hacker” oder jemand der malt ein “Künstler”? Mitnichten. Man könnte jetzt mehrere Wege gehen um das Problem zu beschreiben: Beruf vs. Berufung diskutieren, Schubladen auseinander nehmen und wieder zusammensetzen oder psychologische Muster hinterfragen. Das alles ist mir aber zu mühsam und erscheint mir wenig hilfreich.

Ich wurde vor einiger Zeit mal von einem sehr guten Bekannten gebeten, einen Lebenslauf zu schreiben, der nicht nur vergangene berufliche Tätigkeiten umfasst sondern auch alle anderen Sachen die mir so in den Sinn kommen mit denen ich mich auseinander gesetzt habe. Das Ganze fiel mir erst einmal extrem schwer, weil ich kein Aufhebetyp bin, sondern, wenn grössere Dinge abgeschlossen sind, meist nicht mehr aufhebe als T-Shirts (sofern diese in irgend einer Form überhaupt übrig bleiben und ich überhaupt noch daran erinnert werden will). Ansonsten ist für mich die Vergangenheit abgeschlossen, und ich erinnere mich gerne an Dinge wenn mir das bei der Lösung von neuen Problemen hilft, oder wenn ich rede und mir die Sachen einfach einfallen. Ansonsten hänge ich einfach nicht sehr an “früher” und finde auch nicht, dass alles besser war: Es war schon immer so Scheisse. Ich glaube in gewisser Weise nicht an die Vergangenheit. Einige Telefonate später jedenfalls und komischem Durchforsten von Erinnerungen schickte ich die Mail ab und erhielt postwendend die Antwort: “Aus wie vielen Leben hast du denn deinen Lebenslauf zusammengesetzt?”. Bummer.

Im Allgemeinen gelte ich ja nicht grade als besonders stabil was meine Tätigkeiten anbelangt, da ich nach einer bestimmten Anzahl an Wiederholungen den Kanal wechseln muss, sonst werde ich extrem aggressiv oder noch schlimmer, schwer depressiv. Einzige Ausnahme sind Jobs und Tätigkeiten, bei denen die Aufgaben immer wieder wechseln oder sich der Kern des Tuns immer wieder verändert und ich ständig gezwungen bin, mich mit neuen Dingen auseinander zu setzen und Neues zu lernen. Das brachte mich auf eine Idee zurück, die Tim mal vor ein paar Monaten geäussert hat. Ich habe das heute das erste Mal am lebenden Probanden ausprobiert und war von der Entwicklung des Gespräches nach der Einleitung mehr als begeistert:

“Hallo, wer bist du?”
“Ich bin Auszubildender!”
“Oh, interessant! Und was lernst du?”
“Das Leben … und alles andere”

Danach ging es nahtlos in eine wirklich spannende und gute Diskussion zum Thema Glauben, Philosophie, Technik und Kunst über. Was will ich mehr?

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