The Turkey Curse
fukamis terror chatroom

Der begabte Rezipient

Pungenday, 67th Confusion, 3171.
Art fukami 83586 18 Comments | Trackback URI

Wenn man nicht aus dem Bildungsbürgertum kommt sondern eher bildungsfernen Schichten oder Technokratenfamilien entstammt ist der Weg zu einer möglichen Auseinandersetzung mit Kunst ein in der Regel langer und schwieriger. In unserem Bildungssystem spielen die Künste eine eher untergeordnete Rolle, so untergeordnet, dass viele Menschen mit Bildern oder Musik nichts wirklich anfangen können und wollen, weil sie nach den paar Wochenstunden in der Schule auch nie wieder Lust darauf bekommen haben sich ernsthaft daran zu versuchen. So wird dann auch mal Kunst schnell mit Schönheit und Dekoration verwechselt, was mich, wenn ich sowas erlebe, ziemlich verstört. Zudem ist es selbst wenn man sich auseinander setzen will manchmal schwer die Grenze zwischen Kunst, Kunsthandwerk, Handwerk und Kunstschaffen zu ziehen, grade und vor allem in Zeiten moderner Kunst, wo, wie es so schön heisst, die Hilfmittel vollkommen sind, die Ziele aber verworren.

Kunst steht nicht für sich, vollkommen losgelöst von der Welt. Dem Betrachter kommt eine genauso wichtige Rolle zu wie dem Künstler selbst – er ist zu einer kreativen gedanklichen Mitarbeit und zum Dialog aufgefordert, sonst geht gar nichts. Ohne den Betrachter kann Kunst also praktisch nicht existieren. Wir haben demnach erst einmal 3 Faktoren, die der näheren Betrachtung wert sind: Den Künstler, sein Werk und dessen Betrachter.

Künstler sind im Allgemeinen wahrscheinlich viel weniger durchgeknallte und exzentrische Menschen als man gemeinhin glaubt. Neo Rauch lebt z.B. in geordneten Verhältnissen, geht schichten ins Atelier, malt dort seine Bilder und geht wieder nach Hause zu Frau und Kindern. Die meisten Künstler die ich kenne sind sehr gute Handwerker, haben gutes räumliches Verständnis, können hervorragend planen und sind ausserordentlich geduldig. Ich persönlich denke, dass es erst einmal die Motivation braucht Kunst zu schaffen, die einen Künstler zum Künstler macht, und dieses Ziel selbst dann im Auge zu behalten, wenn sich Erfolg einstellt. Es ist das Beschäftigen mit allen Ausprägungen von Materie und deren Geist, und der Unruhe, niemals damit fertig zu werden.

Um als Betrachter mit Kunst etwas anfangen zu können bedarf es einer Reihe von Begabungen, die ein Künstler ebenso haben muss, und ohne diese Begabungen wird es keinerlei oder nur wenig Erkenntnisgewinn geben: Die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten, Unklarheiten, Widersprüche, Irritationen, Unsicherheiten, Fehler und Irrationalität zuzulassen und auszuhalten. In einer technokratisch geprägten und an Spiritualität armen Industriegesellschaft sind Lücken allerdings ausgesprochen rar, was die Gefahr mit sich bringt, dies als die einzige wahre Welt umzudeuten und diese Fähigkeiten als falsch zu betrachten. Wir müssen uns als Menschen eigentlich immer darauf einstellen, dass sich die Erde auftut und wir darin verschwinden. Worauf ich dabei hinaus will ist die Möglichkeit, die Kunst bietet, sich emotional auszuloten (natürlich nicht nur für den Fall größter Katastrophen), durch Assoziation die Einzelteile des eigenen Wesens besser zu erfühlen oder sich als Ganzes oder Teil des Ganzen wahrnehmen zu können. Technik per se ist eben nur Hilfsmittel, nicht das Wesen der Welt, und diese lässt sich nicht in jedem Fall durch das Drücken von Knöpfen zielstrebig in die eine oder andere Richtung manipulieren. Dies zu verinnerlichen ist ein sehr wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Schritt des Betrachters. Wichtig zu erwähnen, dass zulassen und aushalten einen weiteren wichtigen Faktor beinhalten: Die Zeit. Zeit, die sowohl für den Prozess vor und beim Entstehen des Werkes nötig ist als auch die für die Betrachtung.

Womit wir auch schon beim dritten Faktor sind, dem Werk. Ohne Kenntnisse der Zusammhänge oder einer übergeordneten Theorie ist der komplette Zugang zu einem Kunstwerk oft ungemein schwer, ja unter Umständen sogar unmöglich. Das kommt daher, dass die meisten Künstler eben nicht einfach eine Gabel an die Wand nageln weil sie grade Gabel und Nagel zur Hand haben, sondern weil ihren Werken eine Theorie oder eine Idee zugrunde liegt, an der sie sich abarbeiten. Sehr oft ist nicht das einzelne Werk die Kunst, sondern der Prozess zum Verständnis des Werkes. Dazu eine einfache Betrachtung von Karl Konrad Seufert zu seinen Kinderschuhen und zu Josef Beuys’ “Für Fußwaschung”, um das zu illustrieren:

Möglicherweise haben auch Sie schon erlebt, daß Eltern die ersten Schühchen ihrer Kinder aufbewahren. Sie hängen dann am Fahrerspiegel im Auto. Der Außenstehende nimmt es meist mit einem wissenden Schmunzeln zur Kenntnis, er sieht nur die Schuhe, ihre Form, die Farbe, das Material, vielleicht noch den Grad der Abnützung, er kennt den liebenswerten Brauch, mehr nicht. Für die Eltern bedeuten sie aber wesentlich mehr. Schließlich verbindet sich mit den Schuhen ein ganzer Lebensabschnitt, sowohl des Kindes wie der Eltern selbst. So gesehen sind die Schuhe Relikte, die Gedanken anregen, auf den Weg bringen, Erinnerungen wachrufen: Die ersten unsicheren Schritte, der Gartenweg, die Jahreszeit - Assoziationen reihen sich aneinander, zu einem Stück unwiederbringlich vergangenen Lebens. Zusammengenommen bedeutet dies, daß ein Dialog zwischen dem Objekt und dem Betrachter in Gang gekommen ist, der das eigentliche Produkt im Kopf des Rezipienten entstehen läßt.

Nicht viel anders verhält es sich mit der signierten Emailleschüssel von Beuys. Auch sie ist Relikt, übrig gebliebener Gegenstand einer vergangenen “Fluxus-Aktion”. Beuys, zu der Zeit Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, wäscht Bekannten und Schülern die Füße. Er bezieht sich dabei sehr deutlich auf einen, uns aus dem Neuen Testament wohlbekannten Vorgang: Christus wäscht seinen Jüngern die Füße. Wir verstehen dieses Tun als Geste der Demut, der Herr übernimmt die Rolle des Sklaven. Gleichzeitig stellt es eine Form von Liebesdienst am einzelnen dar, anders als die anonyme Speisung oder das reichhaltige Bankett. Diese Geste aktualisiert, hebt sie in den Rang einer Kritik an gegenwärtigen Hierarchien. Selbst der gutwilligste Professor wäscht keinem seiner Studenten die Füße, es widerspräche der eigenen Würde und der seines Amtes.

Es ist ratsam, sich vor oder bei einem Ausstellungsbesuch etwas mit den Kontexten der einzelnen Kunstwerke und der Geschichte der Künstler zu beschäftigen, um in den vollen Genuss zu kommen. Ich halte nichts von Ausstellungsmarathons, in denen kaum Zeit für eine ordentliche Auseinandersetzung bleiben kann und habe kleinere Austellungen und Werkschauen sehr zu schätzen gelernt, wo man sich in aller Ruhe einlassen kann. Marcel Durchamp sagte einmal sehr treffend “Kunst ist das einzige, was Leuten übrig bleibt, die der Wissenschaft nicht das letzte Wort überlassen”. In der Möglichkeit Kunst betrachten zu können liegt ein denke ich sehr wichtiger Schlüssel für Erklärungsmuster der inneren und äusseren Welt.

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18 Comments »

  1. “So wird dann auch mal Kunst schnell mit Schönheit und Dekoration verwechselt, […]”

    Diese Aussage fängt an mein Verständnis für Kunst immens zu prägen.

    Comment by Astro — Prickle-Prickle, 68th Confusion, 3171. @ 6130

  2. Im Grunde genommen Zustimmung… Nur sehe ich hier leider kein Fazit. Daß in vielen Fällen Rezipienten, deren Fähigkeiten, Fertigkeiten und Interessen mindestens ein ebenso großes Problem darstellen wie die “Schaffenden”, zeigt sich im täglichen Leben in dieser Gesellschaft mit schöner Regelmäßigkeit (Beispiele: Radio-Musik, Fernseh-Programm, Verkaufszahlen einer Zeitung wie Bild). Nur wo ist der Punkt? Der Schaffende erzeugt ein Werk, der Rezipient in seiner (geistigen) Beschaffenheit liegt weitestgehend außerhalb seiner Einflußnahme, meine ich. Nun kann der Schaffende entweder weiter seiner Vision folgen, sich “günstigstenfalls” irgendwann der Erkenntnis beugen, daß für sein Tun keine Rezipienten mehr da sind, oder aber er kann sich auf das Leven begeben, das die Rezipienten verstehen (womit wir wieder beim “Dekorieren” wären). Welche Möglichkeiten hat er sonst? Daß sich Schaffende bisweilen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gar nicht bewußt zu sein scheinen, steht da noch auf einem ganz anderen Blatt (Beispiel: Etliche Schriftsteller in Doitschland haben sich über die Rechtschreibreform aufgeregt… geschickterweise fast alle, _nachdem_ der entsprechende Entwurf jahrelang diskutiert wurde und schließlich durch war…).

    Comment by kawazu — Setting Orange, 69th Confusion, 3171. @ 43917

  3. Ich verstehe nicht so richtig, welches Fazit du erwartest.

    Bild-Leser brauchen übrigens sicher nicht dieselben Fähigkeiten wie Bild-Schreiber, Fernsehgucker oder Radiohörer nicht dieselben wie Fernseh- oder Radiomacher. Bei der Kunstbetrachtung ist es etwas anderes, eben weil sich Kunst nicht einfach nur _konsumieren_ lässt. Es ist eine gehörige Portion Arbeit von Seiten des Betrachters nötig.

    Comment by fukami — Setting Orange, 69th Confusion, 3171. @ 45713

  4. Dein Text kritisiert (was ich für richtig halte), ohne allerdings Ansätze von Auswegen zu finden (was mir persönlich fehlt). Daß Kunst nicht konsumierbar ist, ist schon klar; andererseits leben wir im Konsumzeitalter, in dem _alles_ auf Konsum hinausläuft, in dem man den Eindruck hat, daß viele Leute sogar in derselben Art und Weise, in der sie einkaufen gehen, zu politischen Wahlurnen tappsen (”Welche Cornflak- … ähem, Partei darf’s denn heute sein?”) und das für viele sogar in Ordnung geht. IMHO wäre es in gewisser Weise essentiell, Auswege aus dieser Situation zu finden; Auswege, die (optimal natürlich einer breiten Masse) erkennbar machen, daß es Dinge gibt, bei denen bloßer Konsum nicht funktioniert, bei denen man selbst Arbeit, Zeit und Mühen investieren muß und letztlich vielleicht trotzdem nur zu einem unbefriedigenden Schluß kommt. Andererseits: Vielleicht ist so etwas auch ein neues [Welt|Gesellschafts|Werte]Verständnis grundsätzlich nicht zu realisieren… *grübel*

    Comment by kawazu — Setting Orange, 69th Confusion, 3171. @ 46813

  5. Der Ansatz ist, die im Text genannten Fähigkeiten zuzulassen und dafür Zeit aufzubringen. Der Rest stellt sich fast von alleine ein :-)

    Comment by fukami — Setting Orange, 69th Confusion, 3171. @ 47122

  6. Sicher. Nur ist das für meine Begriffe schon einen Schritt zu weit, weil es voraussetzt, daß der (nennen wir ihn mangels besserer Begriffe mal) Betroffene sowohl die (mehr oder minder starke) Ausprägung dieser grundsätzlichen Fähigkeiten erkannt hat als auch überhaupt _gewillt_ ist, diese zuzulassen. Nur: Wie Erkenntnis säen? Wie dieses “Wollen” auslösen? ;)

    Comment by kawazu — Setting Orange, 69th Confusion, 3171. @ 47517

  7. Das Henne-Ei-Problem, klar. Ich kann auch nicht mehr tun als zu sagen, dass ich es für wichtig halte, diese Dinge zuzulassen. Der Schlüssel zu seinen eigenen Gefühlen muss letztendlich jeder selbst finden, da gibt es, zum Glück, keine Patentrezepte.

    Comment by fukami — Setting Orange, 69th Confusion, 3171. @ 49492

  8. Demnach scheint mir, wir reden aneinander vorbei - Du siehst’s aus der Sicht des Einzelnen, der “seine Gefühle selbst finden muß” (ACK, übrigens); ich es aus der Sicht des Außenstehenden, der krampfhaft nach einer Möglichkeit sucht, Leute zum Erkennen der Notwendigkeit desselben zu bewegen - oder lieg ich da falsch?

    Comment by kawazu — Setting Orange, 69th Confusion, 3171. @ 50236

  9. Wenn man die Kraft dafür aufbringen kann und will muss man Angebote für Auseinadersetzung schaffen. Kunst und die Diskussion darüber im Kopf, aber auch die mit der Umwelt, sind nur ein Aspekt, und zwar einer, der Spass machen kann wie ich finde und grossen Erkenntnisgewinn geben kann. Der Text greift natürlich viel zu kurz. An solchen Betrachtungen beissen sich seit Jahrhunderten schon viel schlauere Köpfe die Zähne aus :-)

    Comment by fukami — Setting Orange, 69th Confusion, 3171. @ 51754

  10. Zweifelsohne. :)

    In einer gewissen Weise passieren ja dort schon Dinge (nicht zuletzt technisch unterfüttert), die gar nicht so übel sind, seien es Dinge wie wikipedia oder Creative Commons - Projekte, die Menschen explizit nicht nur zum Rezipieren, sondern zum aktiven Mitmachen mögen. Das ist zu begrüßen, Initiative ist der erste Schritt zu allem. Andererseits scheinen derzeit dort zwei parallele Welten zu existieren - jene, die (mehr oder weniger) exzessiv in diesen Dingen stehen, und jene, die die gegenwärtigen technischen Hilfsmittel genauso nutzen wie die gewohnten “Berieselungsmedien”. Sollte dem wirklich nicht nur in meinem Kopf, sondern auch in der Realität so sein, dann wäre der Schaden, den Radio und Fernsehen als sowohl Medien als auch passive Prozesse angerichtet haben, beträchtlich…

    Comment by kawazu — Setting Orange, 69th Confusion, 3171. @ 53319

  11. Bei Kunstwerken geht es in der Regel um geschaffene Einzelwerke, die als Ausdruck des Künstlers dem Betrachter die Möglichkeit geben, sich mit verschiedenen Ebenen damit auseinander zu setzen. Auch in der Wikipedia findet Auseinandersetzung statt, sie dient der eher der Wissensmehrung, die CC für freie Verbreitung. Mit Kunst hat das aber erst einmal nichts zu tun wie ich finde, zumindest bekomme ich den Zusammenhang nicht hin.

    Ich sehe das in jedem Fall auch so, dass Berieselungsmedien eher einen grossen Schaden anrichten als hilfreich zu sein.

    Comment by fukami — Setting Orange, 69th Confusion, 3171. @ 59192

  12. Ich seh’s eigentlich so ‘rum, daß zur Wahrnehmung von Dingen zwei Seiten gehören - wahrnehmbarer Inhalt und irgendwie eine Möglichkeit (nennen wir es ein Medium), diesen Inhalt wahrzunehmen.

    Kunst gehört zum Inhalt.

    Medium ist in meiner Sicht Angebot von Inhalt zur Auseinandersetzung. “Push”-Medien wie TV oder Radio machen das strenggenommen auch, nur ist man dort an einem Punkt, an dem (a) Auseinandersetzung mit den Inhalten (und sei es mangels wahrnehmbarer Inhalte, mittlerweile) kaum noch lohnt, (b) die bloße Möglichkeit, “den Kanal zu öffnen” und sich 24×7 mit Nonsens berieseln zu lassen, vermutlich eher dazu führt, daß man genau das tut, wenn Auseinandersetzung mit irgendetwas das letzte ist, wonach einem der Sinn steht.

    Internet ist dort schon aufgrund der Bidirektionalität anders, und Dinge wie Wikipedia oder CC (dort schließt sich für mich der Kreis) bieten auf diesem (technischen) Medium noch ein Stück mehr Angebot, sich mit konkreten Inhalten auseinanderzusetzen. Gerade CC bietet Leuten Inhalte in Hülle und Fülle, inclusive der Möglichkeit, anhand dieser Inhalte selbst aktiv, selbst kreativ zu werden, indem ich sie selbst anhand meiner Vorstellungen, Inspirationen, Gedankend dazu weiterverarbeite - dort, so meine ich, findet eine ganz entscheidende Auseinandersetzung mit dem statt, was man an Inhalt vor sich liegen hat (sei es Kunst oder nur Bit-Müll, aber selbst das dürfte wohl im Auge des Betrachters liegen).

    Aber das mag wohl auch Sichtweise sein, schätze ich… :)

    Comment by kawazu — Setting Orange, 69th Confusion, 3171. @ 65578

  13. Drei Punkte können nicht unwidersprochen bleiben:
    1.) Kunst und Schönheit
    Ich finde, man sollte Kunst durchaus das Recht auf Schönheit zugestehen, auch wenn Schönheit und Erhabenheit, die einst als wesentliche Merkmale von Kunst galten, in der postmodernen Welt als überkommen angesehen werden. Denn trotz aller Ästhetik des Hässlichen und aller Subversion festgelegter Schönheitsideale - welch immer wieder beglückendes Gefühl von der Schönheit eines Bildes, einer Zeile oder eines Klangs bezaubert zu sein. Und für Platon (und andere) hatte Schönheit auch was mit Wahrheit zu tun…
    2.) Künstler
    Ich bin ja auch der Meinung, dass Künstler nicht mit durchgeknallt und weltfremd gleichzusetzen ist. Andererseits ist gerade das Beispiel Neo Rauchs mit seiner Familienidylle sicherlich nicht das geeignetste für einen vorbildhaften Künstler, wird er doch von vielen Seiten aufgrund seiner sozialistisch-realistisch inspirierten, im DDR-und Sozialismus-Nostalgie-Hype hippen Bilder, die für viele jegliche kritische Auseinandersetzung mit dem politischen und gesellschaftlichen Hintergrund dieser Bildsprache und insbesondere deren Funktion darin vermissen lassen und daher doch eigentlich reine Dekoration sind… Und sich ausgesprochen gut verkaufen…
    Was mich zu Adornos Verständnis von Kunst bringt, der von ihr eine Distanz zur Gesellschaft erwartete, die für ihn, in dem Moment, in dem Kunst zur Ware wird - was in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem, in dem Kunst sich auf dem Markt behaupten muss, zwangsläufig der Fall ist -, unmöglich erscheint.
    Eine entsprechende Verweigerung praktizierte Marcel Duchamp, der sich, will man seinen Aussagen glauben, um der Freiheit seiner Kunst willen dagegen entschied mit seinen Werken seinen Lebensunterhalt zu verdienen, stattdessen zum Beispiel Französisch-Unterricht erteilte, seine Bedürfnisse und Ansprüche stark einschränkte und seine Kunstwerke ausschließlich verschenkte.
    3.) Hintergrundwissen
    Wenn sich die Kunst in ihrer Entwicklung zunächst von ihrer kultischen, dann von ihrer erhabenen und elitären Funktion entfernt hat und vor allem im 20.Jahrhundert durch die technischen Vervielfältigungsmöglichkeiten sowie die gesellschaftlichen Veränderungen für alle verfügbar geworden ist - was ja eigentlich zu begrüßen ist – so scheint doch zugleich mit ihrer zunehmenden Abstraktion ein umgekehrter Prozess eingetreten zu sein. Theoretisch ist Kunst zwar allen zugänglich, praktisch aber - ohne vorheriges Studium kunsttheoretischer und kunsthistorischer Abhandlungen – nur selten verständlich - was wiederum sehr bedauerlich ist. Denn damit verfehlt Kunst jene Wirkung, die als die große Errungenschaft des letzten Jahrhunderts angesehen wird… Und somit landet man bei dem unauflöslichen Konflikt zwischen Freiheit und Konsequenz der Kunst und einem Entgegenkommen an das Publikum, dem Widerspruch zwischen „high“ and „low“ culture, deren Trennung spätestens mit der Pop Art als aufgehoben galt, wobei jedoch immer wieder die Frage steht, wie eine solche Synthese eigentlich zu verwirklichen sein könnte.

    Comment by topsy-turvy — Boomtime, 3rd Bureaucracy, 3171. @ 78592

  14. 1) Ich spreche Kunst nicht das Recht ab, schön zu sein. Natürlich setzt sich Kunst auch mit dem Schönheitsbegriff auseinander, ich wollte aber anmerken, dass Kunst nicht mit Schönheit verwechselt werden sollte. Natürlich wirft das die Frage auf: Was ist Schönheit? Der Begriff meint leider irgendwie in der heutigen Zeit nur etwas sehr Oberflächliches. Mein Schönheitsbegriff hat jedenfalls auch sehr mit Wahrheit zu tun.

    2) Vollkommen klar, dass Künstler genauso wenig archetypisch ist wie z.B. Tresenpersonal. Neo Rauch habe ich nur als Beispiel gewählt, weil seine Art ja fast sprichwörtlich ist. Ich mag sein Zeug btw auch nicht sonderlich. Gute Anmerkung zu Duchamp übrigens, aber ich denke trotzdem, dass es nicht der Weg ist, den jeder Künstler gehen sollte oder gehen kann. Es ist nichts Verwerfliches daran, mit seiner Kunst Geld verdienen zu wollen. Es ist eben auch eine Art, sein Leben zu führen und sich mit den Dingen zu beschäftigen, mit denen man sich beschäftigen will und sich dabei, wenn man Glück hat, auch nicht verbiegen muss. Ich halte diese Art des Denkens _über_ Künstler sogar für ein echtes Problem, weil man den Künstler in eine Gestalt zwingt, die nicht nötig ist, nur um sein Werk besser, anders oder wahrhaftiger deuten zu können.

    3) Wenn sich die Menschen mehr mit Kunst auseinander setzen würden und in unserer Gesellschaft Kunst eine grössere Rolle spielen würde, hätte kunsttheoretisches und kunsthistorisches Wissen einen anderen Stellenwert und wäre auch nicht so abgekoppelt von den eigentlichen kreativen Prozessen. Jetzt ist das ein Grossteil davon Luxus des Bildungsbürgertums (immer noch wie ich finde), womit die Hochkultur einen wie ich finde viel zu grossen Stellenwert besitzt. Sie wird in den Rang einer kulturellen Identität erhoben, den sie schlicht nicht mehr hat (auch wenn natürlich viele Dinge auch nach 100en oder 1000en von Jahren noch wahr und wichtig sind). Auch bei Hochkultur braucht man btw oft auch die Kontexte zum erweiterten Verständnis. Aber ich denke, dass Kunst tatsächlich identitätsstiftend ist, heute mehr denn je, und das Hauptproblem ist heute vielmehr, dass es offensichtlich keine Zeit mehr gibt, sich damit angemessen auseinander zu setzen, weil die Leute den kurzen Weg suchen (müssen?) und eher auf Pointen als auf komplexere Sinninhalte stehen. Es geht also umso mehr darum, die sich abzeichnen Freiräume, z.B. durch Wegfall der Lohnarbeit, mit etwas zu füllen, dass vor allem mit Erkenntnis zu tun hat. Es ist meiner Meinung nach wichtig, nicht an Begriffen zu hängen, die eine Entwicklung vorweg nehmen, die man ohnehin nicht absehen kann. In diesem Jahrhundert wird sich der Kunstbegriff noch mal ganz anders entwickeln wie ich hoffe, noch weiter weg von einer abgehobenen, elitären Form, hin zu einer noch viel zarteren und zerbrechlicheren Definition.

    Comment by fukami — Pungenday, 4th Bureaucracy, 3171. @ 19446

  15. 1.) Wenn etwas einfach NUR schön ist, kann das für Dich demzufolge keine Kunst sein, right?
    2.) Und welche Art des Denkens über Künstler?
    3.) Und da beißt sich die Katze doch wieder in den Schwanz: Vielleicht würden sich ja mehr Menschen mit Kunst beschäftigen, wenn man dazu nicht erst umfassende kunsttheoretische und -historische Vorbildung braucht? Kunst sollte doch zuallererst aus sich selbst heraus wirken oder nicht? Und sicher könnte dann jegliches Hintergrundwissen den Kunstgenuss steigern oder erweitern…
    Auch beschäftigen sich heutzutage ganz sicher viel mehr Leute mit Kunst als das vor 100Jahren der Fall war, wo sich der überwiegende Teil der Bevölkerung es sich überhaupt nicht leisten konnte in ein Museum zu gehen oder ein Buch zu kaufen… Und außerdem welches Bildungsbürgertum? Das gibt es doch seit ‘45 gar nicht mehr. Und außerdem hat heute doch, zumindest in Deutschland, jeder Zugang zu Schule und Universität und damit zu Bildung. Und um das Elterhaus-Argument gleich vorwegzunehmen: Es gibt und gab immer genug Künstler und Kunstfreunde, die nicht aus kunstliebenden Elternhäusern stammen.
    Und für wen ist Kunst Deiner Meinung nach identitätsstiftend?
    4.!!!) Und um mal nicht länger um den heißen Brei herumzureden: Was ist denn Deiner Meinung nach überhaupt Kunst? Und welche Funktion und/oder Wirkung hat sie bzw. sollte sie haben?

    Comment by topsy-turvy — Pungenday, 4th Bureaucracy, 3171. @ 63627

  16. 1.) Nein, das meine ich nicht. Natürlich kann auch etwas Kunst sein, das nur schön ist. Aber es ist nicht die Bedingung.

    2.) Das Denken, das ein Künstler für seine Kunst leiden oder hungern muss oder sein Kunstschaffen von seinem Einkommen abkoppeln muss.

    3.) Ich kann dir sagen, dass es eben nicht in allen Fällen möglich ist, freien Zugang zu einer guten Ausbildung zu bekommen (und das wird sich in den nächsten Jahren sicher noch verschärfen). Natürlich gibt es auch Leute, die Kunst machen und nicht aus Elternhäusern stammen, in denen Kunst eine Rolle spielt. Aber es ist immer noch eine Minderheit, zumindest sehe ich das bei den Leuten die ich kenne (und das sind nicht wenig). Und ich finde nicht, dass es gennug Künstler gibt, so oder so. Ich denke, dass es schwer ist, als Identität etwas “besseres als die Nation” zu haben. Kunst und Kultur ist eben etwas, was weit über diesen Begriff bzw. Sinninhalt hinaus geht. Ich denke, Kunst kann grundsätzlich für jeden identitätsstiftend sein.

    4.) Ich habe mich exra mit einer Betrachtung dazu zurück gehalten. Einerseits fehlt mir da einfach eine Menge kulturhistorisches Wissen. Andererseits sehe ich, dass der Begriff einem stetem Wandel unterliegt und sich ständig die Grenzen verschieben. Die Funktion von Kunst ist für mich Auseinandersetzung mit dem eigenen Wesen und dem Wesen der Welt, aber eben nicht auf der Ebene der wissenschaftlichen Erklärungsmuster. Kunst dient, zumindest mir, dem Verständnis und der Befreiung aus Denkmustern, die mich immer wieder gleich handeln lassen. Sie dient dem Hinterfragen der eigenen und fremden Modelle und bietet die Möglichkeit, den Geist zu öffnen für die Dinge, die klein und unbedeutend scheinen mögen es aber nicht unbedingt sind. Ausserdem dient es mir persönlich dazu, mich nicht allein zu fühlen mit meinen Vorstellungen.

    Comment by fukami — Pungenday, 4th Bureaucracy, 3171. @ 64879

  17. 1.) Na das wäre ja dann geklärt ;-)
    2.) Bleibt trotzdem die Frage, ob - unter der Prämisse einer distanzierten Haltung zur Gesellschaft/Welt als Basis künstlerischen Schaffens - diese überhaupt aufrechtzuerhalten ist, wenn man über den Kunstmarkt in diese integriert ist. Duchamps diesbezügliche Verweigerung ist ja auch nur eine Möglichkeit. Fluxus zum Beispiel beschränkte sich auf die Produktion von Ideen bzw. Instruktionen für die Ausführung von Werken und entzogen aich auf diese Weisen. Performance Art und Aktionskunst wiederum konzentrier(t)en sich auf an Ort und zeit gebundene Werke, die damit nicht ausstellbar und verkäuflich sind. Was übrigens auch für Beuys gilt. In diesem Kontext kommt meines Erachtens auch der staatlichen Kunst- und Kulturförderung eine immense Bedeutung zu, da diese die Voraussetzung für eine unabhängige, nicht zwangsläufig verkaufsorientierte Kunst ist.
    Noch mal zu Neo Rauch: Müßte man seine Werke dann Deinen Kriterien nach nicht eigentlich als Dekoration statt als Kunst betrachten?
    3.) Wie kannst Du mir das sagen?
    Ich finde tatsächlich, dass in Deutschland jeder Zugang zu Bildung hat. Man muss die gegebenen Möglichkeiten nur eben auch nutzen.
    Außerdem glaube ich dabei immer noch an den freien Willen und die freie Entscheidungsfähigkeit des Menschen.
    Und was die Identität betrifft, so würde ich behaupten, dass ein Großteil der Deutschen nach Deutschland befragt nicht nur an Fußball, Bier & Autos denkt, sondern ebenso an Bach, Goethe & Schiller.
    4.) Ich wollte ja auch gerne wissen, wie Du Kunst für Dich und heute definieren würdest - ganz unabhängig von irgendwelchen kunsthistorischen Begrifflichkeiten und Debatten.

    Comment by topsy-turvy — Prickle-Prickle, 5th Bureaucracy, 3171. Celebrate Zaraday. @ 4393

  18. 2.) Bedeutet das für dich also, dass ein Künstler keiner ist, wenn er versucht von seinen Arbeiten zu leben? Oder verstehe ich dich falsch?

    3.) Da muss ich dir leider widersprechen. Ich habe beispielsweise einige Geschichten mitbekommen, bei denen Kindern und Jugendlichen eine sinnvolle Schulausbildung verwehrt wurde, weil sie als “schwierig” galten. Wenn diese Leute aus wohlhabenderen Familien gekommen wären, hätte man ihnen sicher eine besondere Ausbildung zukommen lassen. So fliegen sie von Haupt(!)schulen, und das, obwohl sie sehr intelligente Menschen sind. Was glaubst du, wie deren Weg weitergehen wird? Deine Behauptung zu Bach, Goethe und Schiller bezweifle ich irgendwie total, selbst wenn es Leute geben sollte, die so etwas sagen. Es ist eben einfach, sich auf diese grossen Namen zu berufen, auch ohne überhaupt zu verstehen was diese Leute gemacht haben.

    4.) Ist das nicht deutlich geworden? Okay, dann ein weiterer Versuch: Kunst dient mir als Möglichkeit, mich mit mir, den Menschen um mich herum und der restlichen Welt auseinander zu setzen. Diese Auseinandersetzung ist deswegen für mich wichtig, weil ich mich mit den bisherigen Antworten, vor allem aus Technik und Wissenschaft, nicht zufrieden geben kann. Sie zeigt mir immer wieder, dass die Welt und die Menschen nicht nur so sind wie oberflächlich zu sein scheinen, sie lässt mich über meine eigenen Dummheiten und Egoismen oder über die anderer weinen, sie eröffnet mir neue Sichtweisen und Einsichten, sie lässt mich beide Dinge, meine Einsamkeit in der Welt genauso wie die Verbundenheit zu ihr, empfinden, sie lässt mich meinen Schmerz aushalten ohne meine Sensibilität zu zerstören, sie hat für mich, überspitzt ausgedrückt, wohl eine ähnliche Funktion wie für andere Menschen Religion, allerdings mit dem Unterschied, dass Kunst wie ich sie verstehe keinen Anspruch auf Wahrheit oder Erlösung bietet, sondern “nur” Erklärungsmöglichkeiten und eine Chance, die eigenen Grenzen zu verstehen und vielleicht sogar zu überschreiten.

    Comment by fukami — Prickle-Prickle, 5th Bureaucracy, 3171. Celebrate Zaraday. @ 78544

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