The Turkey Curse
fukamis terror chatroom

Heute letztmalig Pirateria

Prickle-Prickle, 20th Bureaucracy, 3171.

Samstag, den 27. August findet in der alten Schiffsschraubengiesserei auf der Lichtstrasse in Köln Ehrenfeld die letzte Veranstaltung der Pirateria statt. Leider sind die in Aussicht gestellten Konditionen und Vorstellungen von Eigentümerseite weniger geeignet, um dort weiterhin auf sinnvolle Art und Weise freie Kultur machen zu können. Da Luftlinie 20 Meter von der Pirateria entfernt zeitgleich in der Vulkanhalle der zweite Tag der diesjährigen Evoke stattfindet wird das abseits des Ringfestes sicher ein lustiger und erlebnisreicher Partyspass für die ganze Familie, zumal auf der Evoke der Eintritt für Frauen kostenlos ist.

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Open Chaos im C4

Pungenday, 19th Bureaucracy, 3171.

Statt zu der Party nach Deutz zu fahren bin ich doch im C4 beim OpenChaos gelandet und habe mir den Vortrag von oxff zu Bots und Botnetzwerken angehört. oxff ist der erst 17jährige Hauptentwickler von mwcollect, einem Tool zum Einfangen von Malware und zum Simulieren von Verwundbarkeiten auf Nicht-Microsoft-Systemen. War soweit nicht wirklich viel neues, zumindest nicht wenn man das Paper Know your Enemy: Tracking Botnets vom März des Jahres kennt. War aber trotzdem ein guter, fundierter und kurzweiliger Vortrag, zumal es eine kleine Livedemo gab, bei der oxff vom Betreiber eines Botnetzes bemerkt wurde und ihn mit den Worten: “i am no av sucker. i am in a presentation” begrüsste.

An Rande hat Maximillian Dornseif die wie ich finde sehr gute Idee geäussert, man solle fordern, Kameras der Videoüberwachung, wenn man sie schon nicht mehr verhindern kann, wenigstens mit einem für jeden benutzbares, öffentliches Interface auszustatten.

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c/o pop

Boomtime, 13rd Bureaucracy, 3171.

Bis gestern war mir nicht klar, dass die c/o pop in Köln schon am nächsten Wochenende stattfinden wird. Auf der Popkomm war ich früher jedes Jahr bis zu dem Zeitpunkt, an dem mit einem Mal irgendwelche Volksmusikfritzen ihre Stände aufgebaut haben. Damit war klar, dass die Veranstaltung für mich gestorben ist. Die ersten Popkomms waren noch richtig nett und überschaubar, ja richtig familiär. Na egal, ich habe jedenfalls gestern jemanden kennengelernt, der mich mit Freikarten versorgen kann, und ich denke, ich werde, wenn es klar geht, am Donnerstag die Rheinseite wechseln und rüber nach Deutz fahren, um mir Matias Aguayo und Roccness ansehen und anhören. Matias ist mir von Erzählungen ziemlich gut bekannt, habe ihn aber selbst noch nicht kennengelernt, und Closer Musik finde ich sowieso ausgesprochen gut. Dazu wird noch Tobias Thomas auflegen, den ich auch schon lange nicht mehr gehört habe. Die anderen Sachen werde ich mir nicht wirklich angucken können, weil das Wochenende auch die letzten Tage der Pirateria vor der Pause markieren und wir die Orgie noch vorbereiten müssen.

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22C3: Call for Papers

Sweetmorn, 12nd Bureaucracy, 3171.

Der offizielle Call for Papers für den 22. Chaos Communication Congress (22C3) ist online. Der diesjährige Kongress des Chaos Computer Club (CCC) steht unter dem schönen Motto Private Investigations, ist mit 4 Tagen vom 27. bis 30. Dezember einen Tag länger als gewohnt und findet wieder im Berliner Congress Center (bcc) am Alexanderplatz statt. Bisher gibt es noch kein Webformular, Vortragsvorschläge können aber an die Emailadresse 22c3-content@cccv.de gerichtet werden.

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Was soll man nur mit all den Leuten machen …

Prickle-Prickle, 10th Bureaucracy, 3171.

… die gesellschaftlich nicht gebraucht werden?

Ist es eigentlich wahr, dass die Bundesregierung Herrn Maatz diese Frage hat stellen lassen, weil er auf Grund seiner Erfahrung mit der ostdeutschen Seele geeignet erscheint, darauf eine Antwort zu finden? Interessante Frage jedenfalls, so oder so - wobei in dem Fall auch die Antwort(en) nicht uninteressant sein dürfte(n).

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Baby Ford

Prickle-Prickle, 10th Bureaucracy, 3171.

Baby Ford

Tiny hat mich vor ein paar Jahren in einen Club mitgenommen, der sich, soweit ich mich erinnere, Ufo Borten nannte. Dort war ein DJ zu Gast, dessen Name mir bis dato schon des öfteren untergekommen ist: Peter “Baby” Ford. Diesen Namen hatte ich vor allem in Verbindung mit Raves in England gehört, aber auch durch eine Platte mit Namen Birds, die Fee mir mal vorgespielt hat. Birds sind, neben Baby Ford, Klaus Kotai und Jochen Baader, die beide durch das legendäre Label EMD (Elektro Music Department) bekannt sein könnten.

Die Veranstaltung im Ufo, einem kotzhässlichen Laden mit Ballermann-Flair, zumindest damals, war sehr gut besucht. Zum Anfang lief langweiler Acid (kann mich schon nicht mal mehr erinnern, wer da aufgelegt hat), dann startete Peter, worauf sich der Laden nach und nach leerte, was ich persönlich ziemlich gut fand, weil ich so Platz zum Tanzen hatte. Man kann sagen, dass Peter damals nicht unbedingt besonders skilled war was Mixing anging, aber irgendwie ist mir das meistens eher egal wenn die Musik besonders gut ist - und das war sie. Er präsentierte eine bunte Mischung der aktuellsten und abgefahrenen Club-Tracks, viel Dekonstruktion a la Aphex Twin und total innovativen House. Am Ende waren Tiny, Benet und ich eigentlich die einzig verbliebenen Gäste, was mich aber irgendwie auch nicht wunderte, weil das Publikum schon so aussah als wäre Oberfläche Trumpf. Peter gab uns allen ein paar Platten, mir z.B. besagte Birds, die ich mir signieren liess und noch einige Maxis, die er grade produziert hatte. Zu der Zeit war eigentlich die grosse Acidwelle praktisch schon eine Weile vorbei, aber ich denke, dass der Veranstalter genau diese Musik von Peter erwartet hatte und war irgendwie, im Gegensatz zu uns, nicht besonders zufrieden wie es schien. Peter hatte schliesslich mit seinen Sachen auf Rhythm King Records Hits, die praktisch als ein Wegbereiter für eine Bewegung gelten.

In den folgenden Jahren startete er mit Mark Broom das Label IFach, später seine eigenen Labels Trelik und PAL SL, die eher minimalistischere Sachen veröffentlichen, wobei trotzdem Stimmen und Melodien in den Produktionen oft eine grosse Rolle spielten. Produktionstechnisch sind die Sachen sehr deep und knackig - ein echtes Erkennungsmerkmal wie ich finde. Es wurde dann etwas ruhiger um ihn, bis er durch tolle Releases auf Force Inc., Sender und Perlon wieder stärker in das Licht der Öffentlichkeit rückte.

2004 ging er dann auf Tour und landete wieder einmal in der Destillery in Leipzig bei einer Veranstaltung von Blackred, wo er von Tiny und Benet als weitere DJs des Abends unterstützt wurde. Als Erstes viel mir auf, dass er mittlerweile richtig gut mixen gelernt hatte. Sein Set ist sogar durch eine Aufnahme dokumentiert, die zwar relativ schlecht von der Qualität ist, ich aber trotzdem immer wieder gerne höre, weil es sich superinteressant entwickelt. Wir hatten jedenfalls mit ihm während des ganzen Abends viel Spass. Er erzählte uns von seinem Tief nach dem Hype, von Plänen und guten Freunden - und hat uns wieder mit einigen neuen Platten versorgt, und im Gegensatz zur Veranstaltung damals haben die Leute im Laden eigentlich alle getanzt und ihren Spass gehabt.

Die Discogs-Seite zu ihm enthält einen grossen Teil seiner Veröffentlichungen und Kollaborationen, wobei ich mir sicher bin, dass da einiges fehlt. Ich muss mal, wenn ich wieder zuhause bin, gucken, ob alle Sachen die ich habe dort wirklich eingetragen sind.

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Takashi Miike

Prickle-Prickle, 10th Bureaucracy, 3171.
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Ichi the killer

Während in der Kölner Innenstadt ein unerträgliches Walt-Disney-Spektakel tobt, das wirklich nicht zu ertragen und vollkommen absurd ist, habe ich die letzten Tage damit verbracht, mir ein paar Filme von Takashi Miike anzusehen. Miikes Filme sind mir von den Titeln her schon eine ganze Weile bekannt, und von Leuten, die gerne härtere Filme sehen auch schon wärmstens empfohlen worden, bin aber bisher aber noch nicht dazu gekommen, mir seine Filme mal anzusehen. Der bekannteste Film von Miike ist in Deutschland wahrscheinlich Ichi the killer (im japanischen Original 殺し屋1 - Koroshiya 1, was soviel heisst wie Auftragskiller oder gedungener Mörder), der einen Manga als Vorlage hat und welchen ich als ersten in einer ungeschnittenen DVD-Version gesehen habe. Der Herr, der da auf dem Bild so freundlich guckt ist übrigens nicht Ichi selbst (der sieht eher so nett wie Akira aus), sondern sein sadomasochistischer Gegenspieler Kakihara, dessen Wangen aufgeschnitten sind und nur mit Ringen zusammengehalten werden. Gleich in eine der ersten Szene des Films bläst Kakihara effektvoll den Rauch einer Zigaretten aus eben diesen Schnitten.

Takashi Miike wurde am 24. August 1960 in Yao, einem Arbeiterort bei Ōsaka, geboren. Er ist Sohn koreanischer Einwanderer, sein Vater was Schweisser, seine Mutter Näherin. Sein Traum war wohl eine Karriere als Motorradfahrer, den er aber irgendwann aufgab. Er hat einen Abschluss auf der Yokohama Hoso Eiga Senmon Gakko (Yokohama Berufsschule für Funk und Film) gemacht, einer Schule ohne Aufnahmeprüfung. Es gab immer wieder Gerüchte, dass seine Filme durch Geldwäscheaktionen der Yakuza finanziert wurden, was ihm aber nie schlüssig bewiesen werden konnte. Weltweite Bekanntheit erlangte er durch den Horrorstreifen Audition und den Yakuza-Film Dead or Alive. Er hat auch weit weniger heftige Filme gedreht, wie z.B. The Bird People in China, der sehr sanft, langsam und schön ist ohne besonders kitschig zu werden. Aber viele seiner Filme sind eben ziemlich brutal und überdreht.

Miikes Filme grundsätzlich zu beschreiben ist gar nicht einfach. Er überschreitet sehr stilsicher Genregrenzen, macht Action, Soft(sic!)porn, Gangsterfilme und Historienspektakel - manchmal alles in Einem wie beispielsweise in Izo. Seine Bildersprache ist gewaltig, aber ich muss zugeben, dass mich einige der Szenen in manchen Filmen ausserordentlich verstört haben, teilweise so sehr, dass ich mich wirklich wegdrehen musste oder mir die Augen zugehalten habe. Nicht, dass ich in meinem Leben noch keine ästhetisierte Gewalt gesehen hätte, im Gegenteil - in vielen meiner Lieblingsfilme spielt Gewalt eine nicht unbedeutende Rolle. Miike treibt es allerdings wirklich auf die Spitze. Da wird in Ichi z.B. ein Yakuza in einem Fernseher ohne Bildröhre jenem fiesen Kakihara präsentiert, der dessen Gesicht mit Nadeln spickt und am Ende schliesslich auf der Strasse, ausserordentlich kunstvoll in mitten einem Haufen alter Fernseher drapiert, landet.

Die Charaktere in Miikes Filmen sind meist nicht grade besondere Sypathieträger, und auch wenn man deren Geschichte durchaus verstehen und nachvollziehen kann - es will sich keine so richtige Verbindung zu einer der handelnen Person einstellen. Alle haben irgendwelche schlimme, seelische Verletzungen und sind oft derartig aggressiv, dass es kaum zu ertragen ist. In den kurzen Augenblicken, in denen sowas wie Zärtlichkeit oder Nähe im Spiel zu entstehen droht, kippt die Situation auch ganz schnell wieder in eine völlig andere Richtung. Überhaupt hatte ich in den Stories nie so was wie ein Punkt, an dem ich mir vorstellen konnte was als nächstes kommt und mir der Geschichte sicher war - ständig Überraschungen und unerwartete Wendungen, hemmungslose Gewaltausbrüche und dann immer wieder diese wunderschönen Bilder und Sequenzen.

Viele seiner Filme sind jedenfalls wirklich überhaupt nix für schwache Nerven. Ich kann mir sogar vorstellen, dass Miikes Filme bei zarteren Zeitgenossen Alpträume und Psychosen auslösen können. Trotzdem muss ich sagen, dass die Filme irgendwie für mich einen, naja, besonderen Genuss darstellen. Und nein, sie lösen keinerlei sexuelle Lust bei mir aus, es ist etwas anderes, was ich nicht so recht erklären kann. Ich muss aber auch sagen, dass mir bei dieser Art Film einer pro Tag wirklich reicht. Nach Ichi musste ich mir direkt danach einen anderen Film angucken, und die Wahl fiel dabei auf den harmlosen deutschen Klassiker Wir können auch anders, der mein Gemüt wieder einigermassen beruhigen konnte :-)

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Über den Dächern von Ehrenfeld

Pungenday, 4th Bureaucracy, 3171.

Mittlerweile geht sich die Pirateria-Vernetzung gut an: Die Flash-Webseite ist online, ein Wiki und ein Weblog sind vorbereitet, die Mailingliste ist jetzt eine richtige Mailingliste (Dank an Manuel und Entropia) und Internet gibt es Dank mangala, Jörg und lustigen Stunts über den Dächern von Ehrenfeld nun auch. Thalunil bastelt hier grade noch an einem kaputten AP rum, der mit etwas Voodoo relativ stabil funktioniert. Ich habe mal ein paar Eindrücke der Pirateria auf Flickr veröffentlicht. Leider fällt mir wieder mal schmerzlich auf, dass ich keine eigene Kamera besitze. Ich will mal sehen, dass ich mir im nächsten Monat diese neue Jenoptik-Kamera kaufen kann, die nur 80 Euro kostet. Ich brauche ja nichts wirklich technisch Aufregendes.

Die letzten Tage habe ich im C4 zugebracht und war in Bonn im Netzladen, und wie so oft frage ich mich, warum eigentlich das “Chaos” im Namen CCC auftaucht, weil das Chaos eigentlich überall anders wesentlich grösser zu sein scheint.

Gestern haben wir The Power of Nightmares - The Rise of the Politics of Fear gezeigt, eine sehr empfehlenswerte 3-teilige Doku der BBC über Neocons, Al-Qaida und die Frage, in wieweit Terrorismus Teil der Strategie ist, Macht zu erhalten und wo gezielt manipuliert wurde, um ein Terrornetzwerk zu erfinden, dass es so nie gab und wahrscheinlich auch gar nicht gibt. Jens und ich werden heute einen Vortrag mit dem Titel “Datenpiraten” in der Halle halten, der um 20 Uhr losgeht.

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Landung in Köln

Boomtime, 71st Confusion, 3171.

Bin gut in Köln angekommen und habe mir Pirateria angesehen. Für die Dresdner unter den Lesern: Das Teil erinnert mich sehr an das Strömungsmaschinenwerk auf dem oberen Teil der Kö. Ich mag solche Bauten gern, und ich war etwas überrascht, sowas in Köln zu finden. Zu der Verwirrung, die der StadtRevue-Artikel erzeugt hat: Mitnichten führt der CCC da irgendwas durch. Ich war eingeladen, hier einen Vortrag zu halten, was ich die nächste Woche auch tun werde. Was die Journalisten daraus gemacht haben beruht auf einem Missverständnis (kennt man ja). Mein Plan ist noch länger in Köln bleiben, etwas abzuflexen und gucken, wo ich hilfreich sein kann. Am Wochenende werden Manuel und ich hier jedenfalls erstmal Musik machen, worauf ich mich schon sehr freue.

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Piraten in Ehrenfeld

Setting Orange, 69th Confusion, 3171.

Jens hat mich vorhin auf das einen Artikel in der StadtRevue hingwiesen, der sich um Pirateria dreht. Dass der Chaos Computer Club davon schon etwas weiss bezweifle ich allerdings irgendwie.

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Der begabte Rezipient

Pungenday, 67th Confusion, 3171.
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Wenn man nicht aus dem Bildungsbürgertum kommt sondern eher bildungsfernen Schichten oder Technokratenfamilien entstammt ist der Weg zu einer möglichen Auseinandersetzung mit Kunst ein in der Regel langer und schwieriger. In unserem Bildungssystem spielen die Künste eine eher untergeordnete Rolle, so untergeordnet, dass viele Menschen mit Bildern oder Musik nichts wirklich anfangen können und wollen, weil sie nach den paar Wochenstunden in der Schule auch nie wieder Lust darauf bekommen haben sich ernsthaft daran zu versuchen. So wird dann auch mal Kunst schnell mit Schönheit und Dekoration verwechselt, was mich, wenn ich sowas erlebe, ziemlich verstört. Zudem ist es selbst wenn man sich auseinander setzen will manchmal schwer die Grenze zwischen Kunst, Kunsthandwerk, Handwerk und Kunstschaffen zu ziehen, grade und vor allem in Zeiten moderner Kunst, wo, wie es so schön heisst, die Hilfmittel vollkommen sind, die Ziele aber verworren.

Kunst steht nicht für sich, vollkommen losgelöst von der Welt. Dem Betrachter kommt eine genauso wichtige Rolle zu wie dem Künstler selbst – er ist zu einer kreativen gedanklichen Mitarbeit und zum Dialog aufgefordert, sonst geht gar nichts. Ohne den Betrachter kann Kunst also praktisch nicht existieren. Wir haben demnach erst einmal 3 Faktoren, die der näheren Betrachtung wert sind: Den Künstler, sein Werk und dessen Betrachter.

Künstler sind im Allgemeinen wahrscheinlich viel weniger durchgeknallte und exzentrische Menschen als man gemeinhin glaubt. Neo Rauch lebt z.B. in geordneten Verhältnissen, geht schichten ins Atelier, malt dort seine Bilder und geht wieder nach Hause zu Frau und Kindern. Die meisten Künstler die ich kenne sind sehr gute Handwerker, haben gutes räumliches Verständnis, können hervorragend planen und sind ausserordentlich geduldig. Ich persönlich denke, dass es erst einmal die Motivation braucht Kunst zu schaffen, die einen Künstler zum Künstler macht, und dieses Ziel selbst dann im Auge zu behalten, wenn sich Erfolg einstellt. Es ist das Beschäftigen mit allen Ausprägungen von Materie und deren Geist, und der Unruhe, niemals damit fertig zu werden.

Um als Betrachter mit Kunst etwas anfangen zu können bedarf es einer Reihe von Begabungen, die ein Künstler ebenso haben muss, und ohne diese Begabungen wird es keinerlei oder nur wenig Erkenntnisgewinn geben: Die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten, Unklarheiten, Widersprüche, Irritationen, Unsicherheiten, Fehler und Irrationalität zuzulassen und auszuhalten. In einer technokratisch geprägten und an Spiritualität armen Industriegesellschaft sind Lücken allerdings ausgesprochen rar, was die Gefahr mit sich bringt, dies als die einzige wahre Welt umzudeuten und diese Fähigkeiten als falsch zu betrachten. Wir müssen uns als Menschen eigentlich immer darauf einstellen, dass sich die Erde auftut und wir darin verschwinden. Worauf ich dabei hinaus will ist die Möglichkeit, die Kunst bietet, sich emotional auszuloten (natürlich nicht nur für den Fall größter Katastrophen), durch Assoziation die Einzelteile des eigenen Wesens besser zu erfühlen oder sich als Ganzes oder Teil des Ganzen wahrnehmen zu können. Technik per se ist eben nur Hilfsmittel, nicht das Wesen der Welt, und diese lässt sich nicht in jedem Fall durch das Drücken von Knöpfen zielstrebig in die eine oder andere Richtung manipulieren. Dies zu verinnerlichen ist ein sehr wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Schritt des Betrachters. Wichtig zu erwähnen, dass zulassen und aushalten einen weiteren wichtigen Faktor beinhalten: Die Zeit. Zeit, die sowohl für den Prozess vor und beim Entstehen des Werkes nötig ist als auch die für die Betrachtung.

Womit wir auch schon beim dritten Faktor sind, dem Werk. Ohne Kenntnisse der Zusammhänge oder einer übergeordneten Theorie ist der komplette Zugang zu einem Kunstwerk oft ungemein schwer, ja unter Umständen sogar unmöglich. Das kommt daher, dass die meisten Künstler eben nicht einfach eine Gabel an die Wand nageln weil sie grade Gabel und Nagel zur Hand haben, sondern weil ihren Werken eine Theorie oder eine Idee zugrunde liegt, an der sie sich abarbeiten. Sehr oft ist nicht das einzelne Werk die Kunst, sondern der Prozess zum Verständnis des Werkes. Dazu eine einfache Betrachtung von Karl Konrad Seufert zu seinen Kinderschuhen und zu Josef Beuys’ “Für Fußwaschung”, um das zu illustrieren:

Möglicherweise haben auch Sie schon erlebt, daß Eltern die ersten Schühchen ihrer Kinder aufbewahren. Sie hängen dann am Fahrerspiegel im Auto. Der Außenstehende nimmt es meist mit einem wissenden Schmunzeln zur Kenntnis, er sieht nur die Schuhe, ihre Form, die Farbe, das Material, vielleicht noch den Grad der Abnützung, er kennt den liebenswerten Brauch, mehr nicht. Für die Eltern bedeuten sie aber wesentlich mehr. Schließlich verbindet sich mit den Schuhen ein ganzer Lebensabschnitt, sowohl des Kindes wie der Eltern selbst. So gesehen sind die Schuhe Relikte, die Gedanken anregen, auf den Weg bringen, Erinnerungen wachrufen: Die ersten unsicheren Schritte, der Gartenweg, die Jahreszeit - Assoziationen reihen sich aneinander, zu einem Stück unwiederbringlich vergangenen Lebens. Zusammengenommen bedeutet dies, daß ein Dialog zwischen dem Objekt und dem Betrachter in Gang gekommen ist, der das eigentliche Produkt im Kopf des Rezipienten entstehen läßt.

Nicht viel anders verhält es sich mit der signierten Emailleschüssel von Beuys. Auch sie ist Relikt, übrig gebliebener Gegenstand einer vergangenen “Fluxus-Aktion”. Beuys, zu der Zeit Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, wäscht Bekannten und Schülern die Füße. Er bezieht sich dabei sehr deutlich auf einen, uns aus dem Neuen Testament wohlbekannten Vorgang: Christus wäscht seinen Jüngern die Füße. Wir verstehen dieses Tun als Geste der Demut, der Herr übernimmt die Rolle des Sklaven. Gleichzeitig stellt es eine Form von Liebesdienst am einzelnen dar, anders als die anonyme Speisung oder das reichhaltige Bankett. Diese Geste aktualisiert, hebt sie in den Rang einer Kritik an gegenwärtigen Hierarchien. Selbst der gutwilligste Professor wäscht keinem seiner Studenten die Füße, es widerspräche der eigenen Würde und der seines Amtes.

Es ist ratsam, sich vor oder bei einem Ausstellungsbesuch etwas mit den Kontexten der einzelnen Kunstwerke und der Geschichte der Künstler zu beschäftigen, um in den vollen Genuss zu kommen. Ich halte nichts von Ausstellungsmarathons, in denen kaum Zeit für eine ordentliche Auseinandersetzung bleiben kann und habe kleinere Austellungen und Werkschauen sehr zu schätzen gelernt, wo man sich in aller Ruhe einlassen kann. Marcel Durchamp sagte einmal sehr treffend “Kunst ist das einzige, was Leuten übrig bleibt, die der Wissenschaft nicht das letzte Wort überlassen”. In der Möglichkeit Kunst betrachten zu können liegt ein denke ich sehr wichtiger Schlüssel für Erklärungsmuster der inneren und äusseren Welt.

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You are a dentist

Pungenday, 67th Confusion, 3171.

Vor ein paar Jahren gab es im Umfeld von Amrep eine Band, die sich The God Bullies nannte. Die Bühnenshows, die ich von ihnen gesehen habe, gehörten wohl zu den Besten im Bereich des noisigen Guitarrensound: Verbrannte Cruzifixe, Verkleidungen und der in der Rolle eines irren Predigers brillierende Sänger Mike Hard. Ich erinnere mich immer wieder an einen Teil des Programms der letzten Tour, der total verstörend war. Das Licht ging aus, Mike Hard zog eine extrem helle Taschenlampe raus und zeige mit dem Strahl auf verschiedene Personen, die er mit “You are a dentist” oder “You are a teacher” beschimpfte. Genau daran musste ich denke als ich vor ein paar Tagen ein Gespräch hatte, das wie oft mit der harmlos scheinenden Frage begann: “Und wer bist du?”

Wie sich herausstellte wollte die Person mitnichten wissen wer ich bin, sondern was ich tue. Für mich persönlich sind das zwei paar Schuhe. Auch wenn das im ersten Augenblick selbstverständlich klingt sehe ich doch sehr häufig, dass es diese Trennung für viele auf diese Art gar nicht wirklich zu geben scheint. Auch bei mir ist sicher mein eigenes Selbstverständnis ein Stück weit davon abhängig, womit ich mich grade konkret auseinander setze. Aber im Kern ist das eine Frage, die einem immer wieder gestellt wird und bei der eine einfache Antwort zu haben manchmal auch wirklich sehr hilfreich sein kann, um gar nicht erst in ein bestimmtes Blafasel zu verfallen. Wenn man die Frage aber ernsthafter auffasst wird es schon richtig kompliziert. Ist jemand der schreibt gleich ein “Journalist” oder ein “Schriftsteller”, jemand der sich mit Computern beschäftigt ein “Hacker” oder jemand der malt ein “Künstler”? Mitnichten. Man könnte jetzt mehrere Wege gehen um das Problem zu beschreiben: Beruf vs. Berufung diskutieren, Schubladen auseinander nehmen und wieder zusammensetzen oder psychologische Muster hinterfragen. Das alles ist mir aber zu mühsam und erscheint mir wenig hilfreich.

Ich wurde vor einiger Zeit mal von einem sehr guten Bekannten gebeten, einen Lebenslauf zu schreiben, der nicht nur vergangene berufliche Tätigkeiten umfasst sondern auch alle anderen Sachen die mir so in den Sinn kommen mit denen ich mich auseinander gesetzt habe. Das Ganze fiel mir erst einmal extrem schwer, weil ich kein Aufhebetyp bin, sondern, wenn grössere Dinge abgeschlossen sind, meist nicht mehr aufhebe als T-Shirts (sofern diese in irgend einer Form überhaupt übrig bleiben und ich überhaupt noch daran erinnert werden will). Ansonsten ist für mich die Vergangenheit abgeschlossen, und ich erinnere mich gerne an Dinge wenn mir das bei der Lösung von neuen Problemen hilft, oder wenn ich rede und mir die Sachen einfach einfallen. Ansonsten hänge ich einfach nicht sehr an “früher” und finde auch nicht, dass alles besser war: Es war schon immer so Scheisse. Ich glaube in gewisser Weise nicht an die Vergangenheit. Einige Telefonate später jedenfalls und komischem Durchforsten von Erinnerungen schickte ich die Mail ab und erhielt postwendend die Antwort: “Aus wie vielen Leben hast du denn deinen Lebenslauf zusammengesetzt?”. Bummer.

Im Allgemeinen gelte ich ja nicht grade als besonders stabil was meine Tätigkeiten anbelangt, da ich nach einer bestimmten Anzahl an Wiederholungen den Kanal wechseln muss, sonst werde ich extrem aggressiv oder noch schlimmer, schwer depressiv. Einzige Ausnahme sind Jobs und Tätigkeiten, bei denen die Aufgaben immer wieder wechseln oder sich der Kern des Tuns immer wieder verändert und ich ständig gezwungen bin, mich mit neuen Dingen auseinander zu setzen und Neues zu lernen. Das brachte mich auf eine Idee zurück, die Tim mal vor ein paar Monaten geäussert hat. Ich habe das heute das erste Mal am lebenden Probanden ausprobiert und war von der Entwicklung des Gespräches nach der Einleitung mehr als begeistert:

“Hallo, wer bist du?”
“Ich bin Auszubildender!”
“Oh, interessant! Und was lernst du?”
“Das Leben … und alles andere”

Danach ging es nahtlos in eine wirklich spannende und gute Diskussion zum Thema Glauben, Philosophie, Technik und Kunst über. Was will ich mehr?

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Am Besten nichts Neues

Pungenday, 67th Confusion, 3171.

Nach wunderschönen Tagen mit Polterabend und anderen wirren Konzepten in Joketa im Vogtland habe ich statt in Holland auf dem Acker zu verbringen oder in Berlin bei der Verleihung des Stickerawards zu feiern meine Zeit lieber in Leipzig verbracht. Der Anlass war im Kern eigentlich eher traurig, dennoch waren auch diese Tage wieder wunderschön und haben dafür gesorgt, dass ich mir über mein weiteres Vorgehen meine eigenen Sachen betreffend noch einmal sehr sicher geworden bin. Es ist wichtig, sich manchmal von Dingen zu verabschieden, die einen belasten und aufhalten, auch wenn sie oberflächlich betrachtet interessant erscheinen mögen. Mir liegt nichts an Ruhm oder einem grossen Bekanntheitsgrad, daran hat sich über die Jahre nichts geändert, im Gegenteil: Umso älter ich werde um so mehr ist mir bewusst, was für eine grausame Selbstverarschung nur schon der Wunsch danach ist. Unsichtbarkeit ist grösstmögliche Freiheit, und die Möglichkeiten Dinge so zu tun, dass Nichteingeweite nicht auf den Urheber schliessen können bieten genau den Raum der nötig ist, um ernsthaft Dinge anzugehen, die sonst vielleicht Gefahr für das Seelenheil bedeuten könnten. Mir ist in einem Gespräch zum Frühstück wieder einmal bewusst geworden, dass die Leute, die in dem öffentlichen Bewusstsein als wichtig oder einflussreich gelten i.d.R. schlicht egomanische Arschlöcher oder Soziopathen sind (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel). Da mir aber meine geistige Hygiene zu wichtig ist und mir Inhalte mehr bedeuten als Schein ist weiterhin kräftig ausmisten angesagt. Für meine neueren Projekte habe ich mir wieder wirklich nette Aliase überlegt und hoffe, dass es nicht wieder so schnell geht bis die Leute darauf kommen, dass ich etwas damit zu tun habe.

Diese Woche werde ich nach Köln fahren, um sowas wie Aufbauhilfe West zu leisten. Um was es genau geht kann ich gar nicht sagen, aber das Projekt nennt sich “Pirateria” und handelt sich um einen Raum in Köln Ehrenfeld, der von ein paar Leuten bis Ende des Monats bespielt werden soll. Ich hoffe, dass ich die Zeit finde im C4 vorbeizuschauen, da es nach unbestätigten Gerüchten wohl gleich um die Ecke ist und ich Lust habe, mal wieder ein paar der Kölner Chaoten zu sehen.

Danach geht es hier bei uns im Haus um die Wurst. Ich kann noch nicht konkreter werden, aber es wird auf jeden Fall einige wichtige Entscheidungen geben müssen, sonst wird das hier das Ende sein. Der Hecht wird durch den Bau der Brücke über die Elbe und den damit hinfälligen Arbeiten auf der Kö zu einem richtig attraktivem Wohngebiet mit allen bekannten Problemen, die es auch schon in der Neustadt oder anderen Stadtteilen gibt, die als alternativ gelten, weil sich dort über die Jahre soziale Gebilde entwickelt haben, die nur in so einem Umfeld entstehen können. Meine Leipzigpläne gedeihen ausgesprochen gut, auch wenn die konkreten Ergebnisse und Verbindlichkeiten noch etwas auf sich warten lassen. Ansonsten habe ich einige bemerkenswerte Einladungen bekommen, z.B. für eine Medienveranstaltung in Halle, und eine Interviewanfrage, die, wenn sie kein Witz ist, eigentlich nur ein totales Missverständnis oder völlige Verpeilung sein kann.

Ich hätte persönlich nicht gedacht, dass ich so wenig Zeit brauche, um mich mental wieder hinzubekommen und wieder Energie und Tatendrang zu haben, auch wenn die nächsten beiden Monate sicher noch einige heftige Schlagschatten werfen werden.

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Carl A. Finlow

Pungenday, 67th Confusion, 3171.
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Carl A. Finlow

Einer der eigentümlichsten Künster im Bereich elektronischer Musik ist für mich Carl A. Finlow. Als ich ihn in letztes Jahr in Leipzig bei der Party von blackred in der Destillery kennen lernen dürfte hatte ich sofort einen sehr guten Draht zu ihm. Ich hatte ihm kurz vor seinem Gig bei einem Problem mit seinem Mac geholfen und er hat mir daraufhin eine CD mit bis dahin unveröffentlichten Tracks geschenkt. Wir haben uns eine ganze Weile über alles Mögliche unterhalten, und er erzählte mir eine Menge interessanter Dinge über seine Verbindungen zu Ralph Lawson und Daz Quayle. Eigentümlich ist er vor allem aus dem Grund, weil er beteuert, dass es keine andere Musik höre als die, die er selbst produziert oder remixt. Es lenke ihn zu sehr ab und frustriere ihn nur, und um seinen Kopf frei zu halten verzichtet er eben darauf.

Seine bekanntesten Aliase als Solist sind Black Labs, Carbon Academy, IL.EK.TRO, Random Factor, Silicon Scally und Voice Stealer, mit Ralph Lawson veröffentlicht er als Otaku, Wolf N Flow, Urban Farmers und 20:20 Vision unter dem Label desselben Namens (welches er mit aufgebaut hat), als Fandango Widewheels zusammen mit Huggy Bear, als Holloware Squad mit Daryl Quayle, Kevin Walsh und Fraser und als Slick ‘N Flash mit Nick Simpson. Zusammen mit Ralph Lawson zeichnet er sich ausserdem für diverse Remixes von Leuten wie Fatboy Slim, Jamiroquai, Swag, Jori Hulkonnen, Swayzak, Josh Wink oder Luke Slater verantwortlich.

Sein Output ist gradezu atemberaubend, dazu ist er viel unterwegs um live zu spielen. Er benutzt für seine Sets Ableton Live und Traktor und ist überhaupt immer mit den neuesten Programmen ausgestattet. Er bereitet nichts wirklich grossartiges für seine Auftritte vor, sondern improvisiert weitgehend, weswegen es auch schon mal einen kurzen Augenblick dauern kann bis er richtig in Fahrt kommt. Musikalisch ist relativ schwer zu beschreiben was er macht. Seine Kollaborationen sind eher Minimal oder housiger Techno. Sein eigener Sound hingegen ist meist eigenwilliger Elektro (in Fachkreisen gerne in die Schublade Neo-Elektro gesteckt). Seine Musik ist traurig und süss, aber trotzdem alles andere als dekadenter Elektropop.

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