Wenn man nicht aus dem Bildungsbürgertum kommt sondern eher bildungsfernen Schichten oder Technokratenfamilien entstammt ist der Weg zu einer möglichen Auseinandersetzung mit Kunst ein in der Regel langer und schwieriger. In unserem Bildungssystem spielen die Künste eine eher untergeordnete Rolle, so untergeordnet, dass viele Menschen mit Bildern oder Musik nichts wirklich anfangen können und wollen, weil sie nach den paar Wochenstunden in der Schule auch nie wieder Lust darauf bekommen haben sich ernsthaft daran zu versuchen. So wird dann auch mal Kunst schnell mit Schönheit und Dekoration verwechselt, was mich, wenn ich sowas erlebe, ziemlich verstört. Zudem ist es selbst wenn man sich auseinander setzen will manchmal schwer die Grenze zwischen Kunst, Kunsthandwerk, Handwerk und Kunstschaffen zu ziehen, grade und vor allem in Zeiten moderner Kunst, wo, wie es so schön heisst, die Hilfmittel vollkommen sind, die Ziele aber verworren.
Kunst steht nicht für sich, vollkommen losgelöst von der Welt. Dem Betrachter kommt eine genauso wichtige Rolle zu wie dem Künstler selbst – er ist zu einer kreativen gedanklichen Mitarbeit und zum Dialog aufgefordert, sonst geht gar nichts. Ohne den Betrachter kann Kunst also praktisch nicht existieren. Wir haben demnach erst einmal 3 Faktoren, die der näheren Betrachtung wert sind: Den Künstler, sein Werk und dessen Betrachter.
Künstler sind im Allgemeinen wahrscheinlich viel weniger durchgeknallte und exzentrische Menschen als man gemeinhin glaubt. Neo Rauch lebt z.B. in geordneten Verhältnissen, geht schichten ins Atelier, malt dort seine Bilder und geht wieder nach Hause zu Frau und Kindern. Die meisten Künstler die ich kenne sind sehr gute Handwerker, haben gutes räumliches Verständnis, können hervorragend planen und sind ausserordentlich geduldig. Ich persönlich denke, dass es erst einmal die Motivation braucht Kunst zu schaffen, die einen Künstler zum Künstler macht, und dieses Ziel selbst dann im Auge zu behalten, wenn sich Erfolg einstellt. Es ist das Beschäftigen mit allen Ausprägungen von Materie und deren Geist, und der Unruhe, niemals damit fertig zu werden.
Um als Betrachter mit Kunst etwas anfangen zu können bedarf es einer Reihe von Begabungen, die ein Künstler ebenso haben muss, und ohne diese Begabungen wird es keinerlei oder nur wenig Erkenntnisgewinn geben: Die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten, Unklarheiten, Widersprüche, Irritationen, Unsicherheiten, Fehler und Irrationalität zuzulassen und auszuhalten. In einer technokratisch geprägten und an Spiritualität armen Industriegesellschaft sind Lücken allerdings ausgesprochen rar, was die Gefahr mit sich bringt, dies als die einzige wahre Welt umzudeuten und diese Fähigkeiten als falsch zu betrachten. Wir müssen uns als Menschen eigentlich immer darauf einstellen, dass sich die Erde auftut und wir darin verschwinden. Worauf ich dabei hinaus will ist die Möglichkeit, die Kunst bietet, sich emotional auszuloten (natürlich nicht nur für den Fall größter Katastrophen), durch Assoziation die Einzelteile des eigenen Wesens besser zu erfühlen oder sich als Ganzes oder Teil des Ganzen wahrnehmen zu können. Technik per se ist eben nur Hilfsmittel, nicht das Wesen der Welt, und diese lässt sich nicht in jedem Fall durch das Drücken von Knöpfen zielstrebig in die eine oder andere Richtung manipulieren. Dies zu verinnerlichen ist ein sehr wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Schritt des Betrachters. Wichtig zu erwähnen, dass zulassen und aushalten einen weiteren wichtigen Faktor beinhalten: Die Zeit. Zeit, die sowohl für den Prozess vor und beim Entstehen des Werkes nötig ist als auch die für die Betrachtung.
Womit wir auch schon beim dritten Faktor sind, dem Werk. Ohne Kenntnisse der Zusammhänge oder einer übergeordneten Theorie ist der komplette Zugang zu einem Kunstwerk oft ungemein schwer, ja unter Umständen sogar unmöglich. Das kommt daher, dass die meisten Künstler eben nicht einfach eine Gabel an die Wand nageln weil sie grade Gabel und Nagel zur Hand haben, sondern weil ihren Werken eine Theorie oder eine Idee zugrunde liegt, an der sie sich abarbeiten. Sehr oft ist nicht das einzelne Werk die Kunst, sondern der Prozess zum Verständnis des Werkes. Dazu eine einfache Betrachtung von Karl Konrad Seufert zu seinen Kinderschuhen und zu Josef Beuys’ “Für Fußwaschung”, um das zu illustrieren:
Möglicherweise haben auch Sie schon erlebt, daß Eltern die ersten Schühchen ihrer Kinder aufbewahren. Sie hängen dann am Fahrerspiegel im Auto. Der Außenstehende nimmt es meist mit einem wissenden Schmunzeln zur Kenntnis, er sieht nur die Schuhe, ihre Form, die Farbe, das Material, vielleicht noch den Grad der Abnützung, er kennt den liebenswerten Brauch, mehr nicht. Für die Eltern bedeuten sie aber wesentlich mehr. Schließlich verbindet sich mit den Schuhen ein ganzer Lebensabschnitt, sowohl des Kindes wie der Eltern selbst. So gesehen sind die Schuhe Relikte, die Gedanken anregen, auf den Weg bringen, Erinnerungen wachrufen: Die ersten unsicheren Schritte, der Gartenweg, die Jahreszeit - Assoziationen reihen sich aneinander, zu einem Stück unwiederbringlich vergangenen Lebens. Zusammengenommen bedeutet dies, daß ein Dialog zwischen dem Objekt und dem Betrachter in Gang gekommen ist, der das eigentliche Produkt im Kopf des Rezipienten entstehen läßt.
Nicht viel anders verhält es sich mit der signierten Emailleschüssel von Beuys. Auch sie ist Relikt, übrig gebliebener Gegenstand einer vergangenen “Fluxus-Aktion”. Beuys, zu der Zeit Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, wäscht Bekannten und Schülern die Füße. Er bezieht sich dabei sehr deutlich auf einen, uns aus dem Neuen Testament wohlbekannten Vorgang: Christus wäscht seinen Jüngern die Füße. Wir verstehen dieses Tun als Geste der Demut, der Herr übernimmt die Rolle des Sklaven. Gleichzeitig stellt es eine Form von Liebesdienst am einzelnen dar, anders als die anonyme Speisung oder das reichhaltige Bankett. Diese Geste aktualisiert, hebt sie in den Rang einer Kritik an gegenwärtigen Hierarchien. Selbst der gutwilligste Professor wäscht keinem seiner Studenten die Füße, es widerspräche der eigenen Würde und der seines Amtes.
Es ist ratsam, sich vor oder bei einem Ausstellungsbesuch etwas mit den Kontexten der einzelnen Kunstwerke und der Geschichte der Künstler zu beschäftigen, um in den vollen Genuss zu kommen. Ich halte nichts von Ausstellungsmarathons, in denen kaum Zeit für eine ordentliche Auseinandersetzung bleiben kann und habe kleinere Austellungen und Werkschauen sehr zu schätzen gelernt, wo man sich in aller Ruhe einlassen kann. Marcel Durchamp sagte einmal sehr treffend “Kunst ist das einzige, was Leuten übrig bleibt, die der Wissenschaft nicht das letzte Wort überlassen”. In der Möglichkeit Kunst betrachten zu können liegt ein denke ich sehr wichtiger Schlüssel für Erklärungsmuster der inneren und äusseren Welt.