The Turkey Curse
fukamis terror chatroom

Drexciya

Pungenday, 57th Confusion, 3171.
Music fukami 18404 3 Comments | Trackback URI

Mutant Gillman

Bis zum viel zu frühen Ableben von James Marcel Stinson im September 2002 war der Öffentlichkeit nicht bekannt, wer sich hinter dem Pseudonym Drexciya verbarg, und auch beim anderen Member war lange nicht klar, wer das ist. Da wir im Zeitalter der Entmystifizierung leben ist auch das leider kein Geheimnis mehr: Er heisst Gerald Donald und hat sich den Namen Heinrich Mueller zugelegt.

Drexciya ist unzertrennlich verbunden mit einem der meiner Meinung nach wichtigsten und interessantesten Technolabels, nämlich die in Detroit von Mad Mike Banks, Robert Hood und Jeff Mills ins Leben gerufene Kollaboration namens Underground Resistance (oder kurz UR). Lange Jahre liessen die Mitglieder nicht zu, dass man die fotografiert, es gab keine Touren sondern nur kurzfristig angekündigte Veranstaltungen und Parties, die dann maskiert und in Armyoutfits absolviert wurden und Interviews wurden nur per Telefon gemacht, prägten also das, was anfänglich eigentlich tiefer Ausdruck dessen war, was Technokultur zu einem guten Teil ausmachte: Auflösung des Egos.

Die Veröffentlichungen von Drexciya und ihren zahlosen Sideprojekten sind schier unüberschaubar. Beide waren zusammen LAM (für: Life After Mutation), James Stinson dürfte ausserdem als Abstract Thought, Lab Rat XL, Other People Place, Shifted Phases, Transllusion oder Elecktroids bekannt sein, Gerald Donald ist u.a. bekannt als Arpanet, Japanese Telecom und Der Zyklus oder als Mitglied von Dopplereffekt, um nur ein paar ihrer Sachen zu erwähnen, und veröffentlicht haben sie auf Clone, Warp, Rephlex, Submerge, Tresor und Shockwave Records. Musikalisch ist kaum zu überhören, dass Kraftwerk eine ihrer hauptsächlichen Wurzeln ist, wobei ihre Musik allerdings wesentlich mehr Funk und Sex besitzt. FSK bringen das BTW auf ihrem mit Anthony “Shake” Shakir produzierten Album First Take Then Shake in dem Stück Kinski Jones nett auf den Punkt wie ich finde.

Der Name Drexciya geht laut dem Inlet der Veröffentlichung The Quest von 1997 auf die in den weiten Tiefen des schwarzen Atlantiks lebende und wasseratmende marine Species der Drexciyaner zurück, einem Volk das entstand, als man verschleppte schwangere Schwarzafrikanerinnen zu Tausenden von Bord der Sklavenschiffe warf, weil ihnen beim Arbeiten schlecht wurde und so nur störender Ballast waren. In ihren Tracks geht es um Drexciyan Warriors, Darthouven Fishmen, Lardossans, Sea Snakes und Mutant Gillmen und ihre Veröffentlichungen tragen Titel wie Aqua Worm Hole, Beyond the Abyss, Bottom Feeders, Bubble Metropolis, Danger Bay, Deep Sea Dweller, Digital Tsunami, Doctor Blowfins Water Cruiser, Positron Island, Powers of the Deep, Red Hills of Lardossa, Song of the Green Whale, Soul of the Sea, Temple of Dos de Agua, Under Sea Disturbances oder Wave Jumper.

Ich finde eine Menge schöner Assoziationen in der von Drexciya entsponnenen Welt: Ein Leben unter Wasser, fern der Oberfläche und Oberflächlichkeit, in Invisible City am Meeresgrund, weit weg von störender Öffentlichkeit, wo sich in aller Ruhe über Modelle des Zusammenlebens und des Seins aber auch des Widerstands sinnieren lässt und in dem Dinge so ge- und erlebt werden wie man es für richtig hält, ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Normierung und Zwänge.

Natürlich kann man aber auch einfach zu der Musik Spass haben, tanzen und sich des Lebens erfreuen oder dazu konzentriert arbeiten, denn bei aller wunderschönen Düsternis, die diese Musik verbreitet, ist sie dennoch sehr lebensbejahend, voller Energie und Drive.

Es gibt übrigens ein lesenswertes Weblog, das sich Drexciya Research Lab nennt und sich mit Geschichten, Theorien und Fakten rund um Drexciya beschäftigt.

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3 Comments »

  1. Ich weiss nicht so recht was für eine Synchronizität gerade am Werk ist, aber vor einer Woche habe ich mir Otto von Schirach mal extensiver zu Gemüte geführt, und siehe da, du bloggst über Otto von Schirach. Letzte Woche habe ich auch “Hellblau” von Meinecke wieder gelesen, in dem es unter anderem extensiv um Detroit Techno und insb. Drexciya geht. Ich habe daraufhin den Soundtrack zum Buch geklickt, und höre seit einer Woche quasi nur Drexciya und Nebenprojekte. Und dann bloggst du über Drexciya. Schon lustig :) Zu Hellblau und Meinecke und Drexciya habe ich ein paar Texte aus dem Internet geklickt: http://bl0rg.net/~manuel/hellblau.pdf

    Comment by netzstaub — Pungenday, 57th Confusion, 3171. @ 36849

  2. Das ist in der Tat ein lustiger Zufall, da beides nun nicht grade Meanstream ist. Vielen Dank für das PDF.

    Comment by fukami — Pungenday, 57th Confusion, 3171. @ 46208

  3. Back from the Abyss Drexciya Detroit war immer ein Geheimnis und brachte dieses Geheimnis in elektronische Musik ein, damit sie anders sein und bleiben konnte. Und man kann jederzeit nach Detroit sehen und wird feststellen, dass alles Gerede von einem Ende der grundlegenden Ideen elektronischer Musik, die immer Ideen gegen das Subjekt waren, nicht nur Unsinn ist, sondern es auch Leute gibt, die dafür sorgen werden, dass es Unsinn bleiben kann. Es interessierte nie wirklich, wer Mike Banks war, wer UR ist oder Red Planet, auch wenn einige dieser Dinge nach und nach aufgedeckt wurden, gerne genussvoll,und immer mehr Fotos auftauchten. Es wurde bis auf wenige Ausnahmen, die meist die Stadt verliessen, vor allem immer unwichtiger. Drexciya ist und bleibt eins der undurchsichtigsten, geheimnisvollsten Projekte Detroits. Das Konzept einer Welt, in der alles unter Wasser stattfindet. Ihr werdet das wissen. Eine E-Mail bei Hotmail.com war bis vor kurzem der einzige Kontakt, den wir hatten. Und als Hotmail gehackt wurde, hätten wir uns fast gewünscht, wir hätten seine Mails durchgelesen, um etwas herauszufinden über das “enigmatischste Duo Detroits” (Eshun). Man macht es dann doch nicht, die Interviewtermine fielen natürlich erst mal aus, und selbst Leute, die nur einen Kilometer weit weg wohnen, redeten von “ihm” nur noch als untergetaucht. “He`s back in the Abyss” (PrismFX, Detroiter Künstler und Coverdesigner). Genauso plötzlich und unvermutet war er dann doch wieder da, hatte eine Telefonnummer, wechselte ständig zwischen ich und wir, der “realen” und Drexciyas Welt, die sich für ihn logischerweise nicht trennen lassen und auch nicht getrennt werden müssen, und war ein ganz normaler, vor allem sehr netter Mensch, genau wie man das eigentlich erwartet hatte. De:Bug: Wie kommt man zu so unterschiedlichen Labeln wie Rephlex, UR und Tresor? Drexciya: Man kann es vielleicht so sagen: Wir floaten. Wenn man eine Beziehung zu Menschen aufbaut, dann mag man sie weiterentwickeln, kann sie eine Weile aufrecht erhalten, aber dann kann es sein, dass man sich woanders hinbewegt. Wir bewegen uns gegen die Regeln, und das ist die eine Sache, an die wir glauben, gegen die Regeln vorzugehen. Nicht zu tun, was uns jemand erzählt, und nicht zu tun, was uns jemand als einzigen Weg zeigt. Auszudrücken, dass wir fühlen, dass es einen anderen Weg gibt. De:Bug: Wer sollte einem sagen, was man zu tun hat? Drexciya: Die Industrie. Wie Frank Sinatra schon sagte, er machte es auf seine Weise, und das ist genau das, was wir auch sagen. We do it our way. Wenn wir mit anderen Record Companys dealen, dann beschäftigen wir uns mit anderen Fragmenten des Business. Sicher, man kann sagen, dass 75% der Label ihre Platten im gleichen Bereich verkaufen, aber diese 25% Rest gibt es auch. Und auf diese Weise schaffen wir uns ein grösseres Territorium. De:Bug: Bist du jemals nach Europa gekommen? Drexciya: Nein, aber ich plane es. Für das Jahr 2001, das das 10te Jahr sein wird, dass ich Drexciya mache. Du könntest sagen, dass es wie in einem unserer Songs ist, “The Species From The Pod”. Es braucht 10 Jahre, um etwas auszubrüten, und wenn es dann schlüpft, manifestiert es sich als eine ganz andere Spezies. Wir haben die Wasser getestet, wenn wir einen Durchgang gefunden haben, dann haben wir hier und da eine Platte released, dann wieder aufgehört, sind wieder zurückgegangen zum Labor, in die Höhle, haben überwintert. 2001 wird die Zeit sein, in der wir reisen können, aber jetzt gehe ich nirgendwo hin. Es gibt zuviel Arbeit im Laboratorium. De:Bug: Kommen die Tracks auf “Neptune`s Lair” aus verschiedenen Zeiten? Drexciya: Ja. Wir versuchen, mit unserer Musik etwas für jeden zu machen, 360 Grad, so dass, wenn jemand einen Track nicht mag, er vielleicht einen anderen gut finden kann. Ob Tanzmusik oder Listening, das interessiert uns nicht. Wir machen Musik, um die Gehörgänge der Menschen zu erfreuen, weil ich die Tradition aufrecht erhalten will, mit der ich aufgewachsen bin. Damals machten und hörten die Leute Musik, die sie glücklich machte. Es ging nicht um Egoprobleme oder um Geld. De:Bug: Was für Musik war das? Drexciya: Ich habe alles gehört. Von New Wave, Punk, Rock, Techno und HipHop, oder was es damals war, Africa Bambaataa, Newcleus und so, und es gab die P Funk Allstars, George Clinton, Jimi Hendrix, die B52`s, Wham, alles. Hier in Detroit waren wohl New Wave und HipHop Funk am wichtigsten. Das musikalische Talent dieser Zeit hat viel Energie und Arbeit in die Musik gesteckt. Es ging nicht darum, ein paar Knöpfe zu drücken. Und genau so hart wollen wir an uns arbeiten. De:Bug: Ist es möglich, dass du in Detroit genau so wahrgenommen wirst wie hier? Sehr Low Profile, unbekannt, etwas mystisch? Die Leute sehen dich doch auf der Strasse. Drexciya: Nein, nicht wirklich. Ich halte mich sehr bedeckt. Wir gehören zu keiner Posse, wir gehen nicht zu oft zu Partys, und wenn, dann eher mal kurz, unscheinbar, kümmern uns nicht um dieses “Zeig wer du bist”-Ding. Ich mag es nicht, diese Seite zu pushen. Ich muss es auch nicht. Es ist mir wichtiger, wenn die Leute fühlen können, worum es bei Drexciya geht. Das hat nichts damit zu tun, dass man mich oft sehen müsste. Ich will mit meiner Musik gefallen und vielleicht mit den visuellen Eindrücken, die sie schafft und die sie begleiten werden. Animierte Videos machen, um besser zu zeigen, worum es bei Drexciya geht, denn Livevideos sind ja vollkommen ausgeschlossen, schliesslich müsste man, um das wirkliche Gefühl von Drexciya zu bekommen, eine Leitung in meinen Kopf legen. De:Bug: Wer ist denn eigentlich dein Partner? Drexciya: Du weisst, dass ich das nicht gerne sage, aber gut, es ist Dopplereffekt. Als wir vor einer Weile Drexciya wieder mal auf Eis gelegt haben, um Research zu machen, hat er sich entschlossen, sein eigenes Projekt zu machen, und daran ist auch nichts falsch. Aber wir halten die beiden Dinge sehr stark getrennt. Vielleicht arbeite ich eines Tages auch solo, aber dafür bin ich jetzt noch nicht bereit. Drexciya kann nur mit uns beiden entstehen, denn alleine ergibt das einfach einen anderen Klang. De:Bug: Wäre das Konzept des Wassers immer noch so wichtig, wenn du alleine arbeitest? Drexciya: Lass es mich so sagen. Wasser ist das stärkste Element auf diesem Planeten. Wenn man die Polarkappen schmelzen würde, dann wären wir komplett überflutet, niemand könnte das aufhalten oder soviel Wasser verdunsten. Wir wären alle tot, würden irgendwo rumfloaten. Es ist das stärkste, gefährlichste, schönste, zarteste, aggressivste Element, das es gibt. Und das ist es, worum es uns geht. Wir sind aggressiv, leicht, ruhig, gewaltsam, können schön sein, rauh, hässlich und alle diese Dinge mit Musik erreichen. Wasser ist auch dieser Ort, an dem es keine Probleme gibt, die es hier oben so anstrengend machen. Wir versuchen, diese Gewalt von Drexciya fernzuhalten. Drexciya ist eigentlich friedlich. Deshalb kommen wir auch immer wieder auf diese ruhige, friedliche, jazzige, ambiente Seite des Lebens zurück. Die militärische Sicht der Dinge, die bei UR ja sehr stark ist, ist für uns eher wie ein Reservoir. Aber nach der Reserve kommen wir immer wieder zurück zu Drexciya, um zu sein, was wir sind, Zivilisten. Ich habe viele Leute getroffen, die, wenn sie unsere Tracks hören und den Titel dazu kennen, verstehen und fühlen können, woher wir kommen. Wir benennen unsere Tracks immer, nachdem wir sie machen. Titel geben eine weitere Dimension für die Tracks. Wenn wir Stücke machen, geht es dabei immer auch um einen Moment, den wir einfangen. Es ist alles live in ein oder zwei Takes gemacht. Wenn etwas statisches Geräusch dabei ist, dann gibt das dem Ganzen eine Signatur. Es kann niemals geremixt werden. Das ist uns wichtig, weil wir nie jemanden einen Drexciya Track remixen lassen würden. Wir würden es nicht mal selbst machen. Das zerstört die Musik, und das, was Musik sein soll. Ich hasse es. Und ich sehe, dass da Dinge passieren, die ich verachte. Remixe sind ein Agent der Segregation. Es werden verschiedene Mixe für verschiedene “Rassen” gemacht. Warum kann es nicht nur einen für alle geben, wie es früher war? Musik soll für jeden sein. Sie versuchen uns damit zu trennen. Die Musikindustrie. Und die Leute reden nicht mal drüber, all die R Kelleys und Whitney Houstons, sie wissen es wahrscheinlich noch nicht mal. Sie denken nicht darüber nach, wie der Remix benutzt werden wird und wofür. Auf den sogenannten schwarzen Radiosendern lief früher alles, aber jetzt nur noch “black music”. Das trennt uns mental, und so soll es nicht sein. Und ich werde an diesem Plan der Industrie nicht teilnehmen. De:Bug: Aber Segregation kam zumindest vorher. Drexciya: Ja, es gab immer Segregation, aber wir hatten versucht, sie loszuwerden. Und in gewisser Weise haben sie sie wieder eingeführt. Damals kamen die Leute wirklich zusammen. Durch die Musik. Und sie hörten alles. De:Bug: Und das war auch immens wichtig für die Musikgeschichte Detroits. Drexciya: Genau, es brachte Dinge in Gang. Es war mehr Spass. Und die Leute waren ruhiger, sicherer. Jetzt ist alles viel einseitiger. Tunnel Vision. Es gibt keinen anderen Geschmack mehr. Das ist nicht gut. De:Bug: Was kann man dagegen machen? Drexciya: Ich kann mich selber da nur raushalten. Nicht daran teilnehmen und mich verweigern. Die anderen müssen selber mitbekommen, was passiert, und aufhören mitzumachen. Vielleicht werden die Leute aufwachen, in einer Art Snowballeffect. De:Bug: Wird es bis zur nächsten Drexciya Platte wieder so lange dauern? Drexciya: Nein, das ist jetzt die Ruhe vor dem Sturm. Man kann es hören. Es an den Titeln sehen. Wenn du wirklich intelligent bist, und das mag ich an den Leuten, die Drexciya mögen, es sind alles Denker, intelligente Leute, dann wirst du hören, was passieren wird. Wir müssen dazu eigentlich nichts sagen. Drexciya Hörer können uns die Lyrics geben. De:Bug: Was denkst du über den Wandel, den es bei Underground Resistance vor einiger Zeit gegeben hat, als sie plötzlich mit High Tech Funk als einer Art neuem Focus überall auftauchten. Drexciya: Ich kann darüber eigentlich nicht reden. Ich halte mich ja eher von allen fern. Der Grund dafür ist, dass ich nicht die Vibes von anderen übernehmen will. Da bin ich sicher eigen. Aber wenn du viel mit jemandem zusammen bist, dann übernimmst du ihre Art, ihre Bewegungen und Worte. Das will ich in der Musik nicht. Ich versuche auch nicht zu verfolgen, was musikalisch passiert. Das gibt mir Energie und Frische. Ich versuche, mich selber in gewisser Weise einigen Dingen gegenüber naiv zu halten. Ich weiss es nicht, muss es nicht wissen, und ich will es nicht wissen. Das einzige, was ich wissen muss, ist, ob es dir gut geht, und du, ob es mir gut geht, und dass man sich helfen wird, wenn nicht.

    Comment by ghood — Sweetmorn, 3rd Discord, 3172. @ 54776

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