Das fliegende Auge
Als ich vor ein paar Tagen auf Spiegel Online gelesen und von Augenzeugen im Friedrichshain gehört habe, dass Sprayer versuchsweise im Rahmen einer Anti-Graffiti-Tagung von Hubschraubern gejagt werden, kam mir wie sicher einigen in meiner Generation sofort der Film Das fliegende Auge (Originaltitel: Blue Thunder) in den Sinn, in dem Roy Scheider als Officer Frank Murphy in einem top ausgerüssteten Militärhubschrauber über Los Angeles seine Kreise zieht. Ich kann mich noch erinnern, dass ich den Film damals ‘83 oder ‘84 gesehen habe und danach heilfroh war, dass es eben eine, zumindest für deutsche Verhältnisse, orwellsche Phantasie war. Umso mehr verstört mich, dass man mal eben beschliesst, diesen kleinen Test durchzuziehen und den Tod eines Menschen billigend in Kauf zu nehmen. Hallo? In welchem Film bin ich den jetzt schon wieder gelandet?
Neben dem, dass es vollkommen unverhältnismässig ist, Sachbeschädigungen dieser Art mit Mitteln der Aufstandsbekämpfung zu verfolgen, frage ich mich, was das eigentliche Ziel dahinter ist. Akzeptanz schaffen für den Einsatz von quasi-militärischen Hubschraubern im zivilen Alltag? Erhöhung des subjektiven Sicherheitsempfindens der Bürger? Oder ist das nicht vielleicht der Beginn von dem, was in den nächsten Jahren zu erwarten ist, nämlich dem Ende des sozialen Friedens in Deutschland und der damit einhergehenden Planung staatlicher Massnahmen zur Kontrolle lokaler Konflikte? Wie lange kann man diese ganze Farce hier noch aufrecht erhalten, wenn das Öl knapp wird und die Industrie das Weite sucht? 10 Jahre? 15 Jahre? 20 Jahre?
Mal von paranoid geleiteten Einsichten abgesehen: Sprayer sind sicher nicht die Verbrecher, die man mit Hubschraubern jagen müsste (und mir kann sowieso niemand erzählen, dass diese mittel- und langfristig gesehen das Ziel sind). Sprayer sind keine Schwerverbrecher, selbst wenn dabei nur Schmierereien rauskommen würden. Sie bemalen ihre Umwelt. Na und, was ist daran so schlimm? Ich halte homogen-farbige Wände und Züge oder Glaspaläste für ein viel grösseres Verbrechen. Ich sehe eine ganze Latte anderer Verbrechen, deren Bekämpfung wesentlich wichtiger wäre. Die grössten Verbrechen in einer Zivilgesellschaft, also die, die Individuen verletzten oder der Allgemeinheit schaden, werden im Verborgenem begangen. Deren Bekämpfung lässt sich halt nicht effektheischend für ein Kauf neuer Waffen und Kontrolltechniken benutzen.
Aber es ist schon irgendwie bezeichnend, wie viel Aufwand betrieben wird um die Fassade zu schützen.
Gleichzeitig erschreckt es mich, wie mit der Begründung Kinder zu disziplinieren Schranken der Zivilgesellschaft so ganz nebenbei zu Fall gebracht werden.
Hier noch ein Link auf einen Text von Herrn Goldt und Herrn Pasemann mit dem Titel Hubschraubereinsatz.
Für diesen Film bin ich zu jung, aber ich glaube der Anfang von Running Man geht auch in die Richtung. Der Hauptdarsteller weigert sich vom Hubschrauber aus auf eine aufständige Menschenmasse zu schiessen…
Comment by Astro — Sweetmorn, 28th Discord, 3171. @ 79796
Also der Text “Hubschraubereinsatz” ist wirklich gut. Aber das Thema ist im Bezug auf Writing nichts neues. Es wurde jetzt nur im Rahmen des “1. Internationalen Anit-Graffiti-Kongresses” in Berlin mal wieder öffenlichkeitswirksam ausgeschlachtet, vor allem um eben Hetze gegen Graffitikünstler zu betreiben. In Hannover waren solche Einsätze des BGS mit Hubschraubern und Nachsichtgeräten schon in den Jahren 1999/2000 u.a. wohl wegen der verschärften Anti-Graffiti Massnahmen zur Expo2000 zu beobachten. Aber die Einstellung “Sichheit um jeden Preis” ist schon beängstigent. Ich denke solche Entwicklungen sind das Produkt des Bedürfnises bzw. der Forderung der Wohlstandsgesellschaft nach uneingeschränktem Schutz, der aber letztendlich zur Ausgrenzung vieler führt und die Rechte des einzelnen beschneidet. Viele Menschen in der Deutschland akzeptieren z.B. nicht mehr, dass es im Leben gewisse Risiken gibt, die sich nicht minimieren lassen. Der Umgang mit Ereignissen, die nicht in das Wohlstands-Sicherheits-Lebenskonzept passen funktioniert oft nicht mehr. An die Szene in “Running Man” kann ich mich auch noch gut erinnern. Ein sehr guter Film.
Comment by streetcleaner — Boomtime, 29th Discord, 3171. @ 30542
Da muss man wohl bald damit rechnen, dass man beim Spazierengehen von einem fliegenden Auge im Flüstermodus und Infrarotkameras begleitet wird. Ja an den Film erinnere ich mich auch noch. Leider wird aus Phantasie viel zu oft Realität …
Comment by tigion — Boomtime, 29th Discord, 3171. @ 34635
Statement von Leuten, die es offensichtlich betrifft: http://ddgraff.com/presse140405.html
Comment by khriss — Setting Orange, 32nd Discord, 3171. @ 6825