The Turkey Curse
fukamis terror chatroom

Henrik Wergeland

Pungenday, 20th Discord, 3171.
Art fukami 60018 1 Comment | Trackback URI

Im Allgemeinen tue ich mich mit Gedichten ziemlich schwer. Nicht das ich kein Gefühl für Poesie habe, im Gegenteil, ich denke, dass ich sogar ein recht ausgeprägtes Gefühl dafür besitze. Aber ich mag seit frühester Kindheit nichts weniger als Malen nach Zahlen, egal ob es sich dabei um Bilder, Worte oder Musik handelt. Es ist schwer für mich zu beschreiben, wo da die Grenze liegt. Bei Gedichten jedenfalls ist es eindeutig, dass ich getroffen sein muss, was ich meistens eben nicht bin, weil eine Unmenge Gedichte höchstens “nett” sind, aber irgendwie nur an der Oberfläche kratzen oder Dinge zum Ausdruck bringen, die ich nicht mal zweitens finde.

Fee hat mir vor ein paar Tagen “Sujets” von Henrik Wergeland geliehen, in der auch die norwegischen Originaltexte abgedruckt sind (Wallstein Verlag 1995, ISBN 3-89244-101-9). Das Vorwort beginnt mit einem Gedicht, dass mich etwa so erstarren liess wie ein Katze, die man am Nacken packt:

Königsadler, angebunden,
beide Flügel längst gebrochen,
der seit zwei Jahrzenten schon,
seit man ihn halbtot gestochen,
tut den Dienst von Kettenhunden
fern bei Bauern, ohne Lohn,
kennt doch nicht
eines armen Dichters Jammer,
der, aus kleinem Volk geboren,
weltab menschenfern verloren
eine Sprache spricht,
die kein Mensch versteht, der nicht
aufwuchs in derselben Kammer.

Folge dem Ruf!

Wer war dieser Henrik Wergeland?

Henrik Arnold Wergeland war Norweger und starb 1845 kurz vor seinem achtunddreissigstem Geburtstag an Tuberkolose. Während Baudelaire seine ersten zaghafte Gedichte schrieb hatte der in Deutschland fast unbekannte Wergeland in Norwegen durch seine überaus moderne und kraftvolle Poesie, die Dinge sehr deutlich beim Namen nannte, schon so manchen heftigen Skandal ausgelöst. Er war ausgebildeter Pfarrer (wobei er nie als solcher Anstellung fand), der sich für die Rechte von Prostituierten und Gefängnisinsassen einsetze, ein glühender Nationalist und Vorkämpfer für ein freies Norwegen und eine freie Verfasssung, Revolutionär, Freigeist, Agitator, Gesellschaftskritiker und Aufwiegler war — und als “Judenfreund” galt. Zitat aus dem Vorwort von Erik Fosnes Hansen: “Folglich war er ohne Freunde”. Es lebte in Christiania (Oslo), war wohl zeitweise der verachteste Mann in der Stadt, Ziel ehrverletzenden öffentlichen Spotts durch die Presse und Opfer der Ironie literarischer Schöngeister und Bürger seiner Zeit.

Ein weiteres Zitat aus dem Vorwort ist aus einem Brief des dänischen Dichters Meir Aron Golschmidt an Wergeland (der diesen Brief aber nicht mehr lebend erhielt):

Wenn ich an sie denke, Wergeland, bin ich stolz, ein Mensch zu sein. Hier haben wir einen Mann, der dem Tod ins Auge blickt, der singt […], während sich der Tod ihm ins Herz bohrt. Hier sehen wir es mit eigenen Augen, daß es eine Unsterblichkeit gibt, daß Menschen von Gott eine menschliche Seele gegeben ist.

Henrik Wergeland starb einen langen Tod, und bis zum Morgen seines Todes diktierte er noch Gedichte. In der letzten Phase seines Lebens erhielt er sogar Post vom König und von Parlamentariern, es wurden Büsten, Portraits und Statuen von ihm gefertigt und als er zu Grabe getragen wurde nahm die ganze Stadt anteil. Heute gilt er in Norwegen als einer der wichtigsten Dichter, der wie kein Zweiter kulturelle und politische Identität stiftet.

Zum Abschluss noch ein längeres Gedicht von Henrik Wergeland mit dem Titel “Selbstbildnis”:

Ich schlechtgelaunt, Morgenblatt? Ich, der nur einen Sonnenstrahl brauche
um laut zu lachen vor Freude, die ich mir nicht erklären kann?

Wenn ich an einem grünen Blatt rieche, vergeß ich betäubt
Armut, Reichtum, Feinde und Freunde.

Wie meine Katze an meiner Wange entlangstreicht, das glättet die Herzwunden aus.
In die Augen meines Hundes versenk ich meine Sorgen wie in einen tiefen Brunnen.

Mein Efeu ist gewachsen. Zum Fenster hiaus hat er er auf seinen breiten Blättern
all die Erinnerung getragen, die zu bewahren mir nichts bedeutet.

Der erste Frühlingsregen wird auf die Blätter fallen und ein paar treulose Namen auswischen.
Sie werden hinabfallen mit den Tropfen und den Regenwürmern die Gänge vergiften.

Ich, der ich Entzückungen lese auf jeden der hundert Blätter der Zentifolie, der Fühlingsgabe -
ich sollte mir auf eine schlechte Zeitung hin eine Sekunde mit Ärger verderben?

Es wäre wie himmelblaue und rosarote Schmetterlinge totschlagen.
Vor solcher Sünde erzittert mein Herz im Innersten.

Es wäre wie meinen noch ergrauten Kopf mit Asche zu überschütten
und die Diamanten von glitzernden Sekunden wegzuwerfen, die die Zeit noch darüber aussät.

Nein, frisch, Ihr Journalisten! wetzt nur eure Fuchsklauen am Felsen.
Ihr reißt bloß Blumen los und ein wenig Moos für ein weiches Grab.

Wie der Stich des Insektes in der Muschel, so bringen Verletzungen nur Perlen hervor in meinem Herzen.
Die sollen einmal das Diadem meines Geistes schmücken.

Ich hassen? Wenn ein Vogel über meinem Kopf dahinfliegt, ist mein Haß gleich tausend Ellen weit fort.
Er schmilzt mit dem Schnee, er weicht mit den ersten Wogen vom Land und weit hinaus auf hoher See.

Doch warum sollten meine Adern nicht zürnen?
Beraubt nicht die Landschaft des brausenden Baches!
Verehrteste Weidenbüsche, erlaubt doch dem Bach zu schäumen, wenn er durch das Gestein geht.

Ich liebe nicht ewig blauen Himmel, wie ich dumme, glotzende Augen hasse.
Hab’ ich vielleicht keinen Himmel, nur weil er voll ist von treibenden Wolken, den Märchenländern der Sonne?

Und hätt’ ich selbst keinen, ist Gottes nicht groß und herrlich genug?
Jammre doch nicht unter Sternen, dein Leben sei ohne Lichtblick.
Mensch, sie glitzern doch, als wollten sie mit dir reden!

Wie glänzt heute abend die Venus! Gibt’s auch im Himmel Frühling?
Nun haben die Sterne den ganzen Winter geleuchtet; nun ruhen sie aus und freuen sich. Halleluja!
Welcher Reichtum für einen Sterblichen!
Meine Seele weidet sich an der Frühlingsfreude des Himmels und hat bald Anteil an jener der Erde.
Sie zittert heftiger als die Lenzgestirne, und sie wird bald aufblühen mit den Knospen.

Herrlicher Abendstern! Ich entblöße mein Haupt.
Wie ein Kristallbad geht dein Glanz drauf nieder.

Es ist Verwandschaft zwischen Seele und Sternen.
Im Sternenlicht tritt sie heraus vor dem Vorhang des Gesichts, und verschwunden sind seine Falten.

Die Strahlen überschütten meine Seele mit einer Ruhe wie aus Alabaster.
Sie steht in mir wie eine Büste. Starrt in ihre Züge!

Jetzt sind sie so wie ihr sie haben wollt. Starr in der Spott.
Meine Seele hat nichts mehr als das milde Lächeln des Leichnams. Was habt ihr noch Angst?

Zum Teufel! Die Brüste hat ein lachendes Herz unter ihrer Ruhe.
Weh euren matten Fingern, daß ihr davon nichts faßt!

---

1 Comment »

  1. Die Liebe sprach…

    Wer in meinem Namen spricht
    dem werd ich nie gehören

    Die Liebe sprach…
    Wer mich nur um seiner selbst will
    dem werd ich nie begegnen

    Die Liebe sprach…
    Wer nur meinen nutzen will
    dem werd ich nie nutzen bringen

    Die Liebe sprach…
    Wer mich missbrauchen will
    der wird stets nur missbraucht werden

    Die Liebe sprach…
    Wer mich nicht in sich trägt
    der wird nie von mir getragen werden

    Die Liebe sprach…
    Wer meine Nähe scheut
    der wird selbst unter 1.000 Menschen einsam sein

    Die Liebe sprach…
    Wer mit kalten Herzen ohne mich durchs leben geht
    der wird nur sein kaltes Herz behalten

    Die Liebe sprach…
    Wer mich verschmäht
    dem wird die Welt nie sehen

    Die Liebe sprach…
    Wer nicht nach mir sucht
    den werd ich nie finden

    Die Liebe sprach…
    Wer nur sich liebt
    Dem wird nie die Liebe anderer zu teil werden

    So sprach die Liebe…

    Wer nur sich selbst und nicht die anderen liebt
    dem werd ich für immer verschlossen bleiben

    ( C.)Morice 1985

    Comment by Maurice — Sweetmorn, 42nd Bureaucracy, 3172. @ 85594

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