Auf besondern Wunsch des lieben Astro ein etwas ausführlicherer Bericht und Ergebnisse meines Vorstellungsgespräches in Ulm und Frankfurt.
Ich bin ja nun schon eine Weile auf HarzIV und bin entsprechend verpflichtet, regelmässige Bewerbungen zu schreiben. Nicht, dass ich nichts zu tun hätte, denn mein Leben ist auch ohne festen Arbeitsplatz ausgefüllt. Meine Bewerbungsarie einmal im Monat sieht etwa so aus, dass ich die Seiten des Arbeitsamtes klicke und mir 10 Stellen raussuche, auf die ich mich bewerbe. In der Regel kommen da keine Antworten, oder höchstens so etwas wie “Ihr Profil entspricht nicht unseren Erwartungen”. Diesmal aber bekam ich praktisch postwendend die Antwort auf eine der Bewerbungen, ich solle mich bitte telefonisch melden. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon wieder vergessen, worauf ich mich eigentlich konkret in dem Fall beworben hatte, weil ich diese Bewerbungen ja eigentlich nicht so ernst meinte. Ich meldete mich also nicht sofort. Einen Tag später kam gleich noch einmal die Aufforderung mich zu melden, und einen weiteren Tag später noch eine, diesmal mit dem Spruch: “Ihre Lebensgeschichte macht sie für uns sehr interessant. Bitte melden sie sich unbedingt.”. Ich meldete mich und vereinbarte ein Vorstellungsgespräch. Ich wusste zu dem Zeitpunkt aber immer noch nicht wirklich, um was es eigentlich geht bei dem Job, weil der entsprechende Text doch sehr diffus war. Es sollte ein Treffen am Donnerstag in Ulm geben, dem Hauptsitz der Firma, un am nächsten Tag nach Frankfurt gehen.
Mittwoch Nacht hatte ich ein sehr langes und frustrierendes Gespräch und dazu viel Alkohol getrunken. Nach nur 1 Stunde Schlaf habe ich mich zum Bahnhof geschleppt. Dort dann die Mitteilung, dass ich den Zug, den ich mir ausgesucht habe, nicht mit dem Ticket benutzen kann, das ich vom Arbeitsamt bekommen habe, weil der eine andere Route nimmt. Damit konte ich erstmal vergessen, um 13 Uhr in Ulm zu sein. Auf der Fahrt zwischen Dresden und Leipzig flog völlig unmotiviert mein Beastie von der Nadel. In Augsburg angekommen, wurde ich, nachdem ich den Zug zum Umsteigen verlassen hatte, erst einmal von zwei zivilen Polizisten angehalten. Auf meine Frage, was das soll bekam ich zur Antwort, sie seien auf der Suche nach Drogen und illegalen Einwanderern. Auf die scherzhafte Frage, ob Sachsen, die sich in Bayern aufhalten, als Illegale gelten wurde mit der Durchsuchung meiner Sachen beantwortet. Willkommen in Bayern. Sie guckten sich jeden Aufkleber an (von denen ich eine Menge habe), ich musste meinen Rechner anmachen und es fielen eine Menge merkwürdiger Sprüche. Nach etwa 20 Minuten konnte ich dann gehen und hatte Glück, grade noch den Zug zu erwischen. Im Zug selbst dann nochmal 2 Polizisten, die sich meinen Ausweis haben geben lassen und mit dem sinngemässen Spruch “Unsere Kollegen hatten sie grade schon in der Mache” war das aber schnell erledigt.
In Ulm angekommen wurde ich vom Bahnhof abgeholt und zum Firmensitz gefahren. Dort wurde ich aufgeklärt über das Tun der Firma, das Gespräch war sehr entspannt und hatte einen guten Eindruck. Die Firma betreibt hauptsächlich in Ulm und Neu-Ulm verschienene Netze für die Verwaltung und einen Hochverfügbarkeitscluster für Versicherungen. Nach dem Vorstellungstermin bin ich zurück ins Hotel und wurde von den Ulmer Chaoten abgeholt, um mich zum Themenabend “Computerkriminalität” des CCCS nach Stuttgart mitnehmen zu lassen.
Die Location selbst war nicht leicht zu finden und für Stuttgarter Verhältnisse, zumindest wie ich sie mir vorstelle, sehr abgefahren. Die Veranstaltung fand in einem Raum einer grossen Wagenhalle statt und war mit schätzungsweise über 80 Leuten gut besucht. Der Vortrag wurde von Helmut Stimm vom LKA Baden-Württemberg gehalten. Er ist beim LKA zuständig für “DV-Unterstützung in Ermittlungsverfahren”. Der Vortrag war überaus unterhaltsam. Erwähnenswert aus meiner Sicht ist, dass der Mann sich gegen die Überwachung des Emailverkehrs und die Datensammelwut im Allgemeinen aussprach. Desweiteren meinte er, er hätte sehr selten Probleme wegen PGP-verschlüsselten Daten auf den Rechnern, die er untersucht hat, auch Cryptovolumes seien in den seltensten Fällen im Einsatz. Wenn aber Leute diese Techniken einsetzen hat das LKA eigentlich ausser Brute-Force kaum eine Möglichkeit, an die Daten kommen. Nach der Veranstaltung lies ich mir für alle Fälle von ihm mal den Kontakt zu Herrn Kampe geben, der den entsprechenden Posten beim LKA Sachsen inne hat, weil ich denke, dass es eventuell etwas für die Datenspuren sein könnte. Ausserdem sprach ich kurz mit Kris Köhntopp, der mir wieder ins Gedächtnis rief, dass ich mich beim ULD noch melden wollte, Momo vom Chaostreff Rothenburg und einigen der Stuttgarter Chaoten. Alles in allem eine sehr gute, spassige und entspannte Veranstaltung. Ich würde mir sehr wünschen, dass es einen noch viel regeren Austausch auf lokaler Ebene im CCC gibt.
Wieder zurück in Ulm und nach dem an Eindrücken reichen Tag war ich abends sehr euphorisch und habe darüber nachgedacht, dass ich den Job, wenn mich denn haben wollen, annehmen würde. Ich war zu diesem Zeitpunkt auch noch der Meinung, dass ich eine realistische Chance hätte, und hätte man mir die Jobzusage gegegeben hätte ich Dresden erstmal den Rücken gekehrt (mental ist das jedenfalls schon einmal kurz passiert). Ich versurfte und verchattete meine eine Stunde WLAN-Zugang, die ich mir an der Rezeption für 4,50 Euro gekauft hatte. Da ich nicht in meinem Zimmer rauchen wollte tat ich dies im Gang des Hotels, wo ich auf eine recht hübsche betrunkene Berlinerin traf, mit der ich ein wenig über dies und das redete. Ich merkte, wie sie mit der Zeit … naja, egal, jedenfalls fragte sie mich wie alt ich sei und als ich ihr mein Alter sagte war alles schlagartig vorbei.
Geschlafen habe ich dann ich dann etwa wieder nur eine Stunde, hatte ein sehr gutes und reichhaltiges Frühstück und traf dann die beiden Leute von der Firma wieder, bei der ich mich beworben hatte. Ich hatte gleich ein etwas eigenartiges Gefühl, schwer beschreibbar, aber jedenfalls war meine Euphorie des Vorabends schlagartig weg. Wir fuhren erster Klasse nach Frankfurt. In Frankfurt wurde mir dann, wie auch schon in Ulm, Hardware-Pr0n vom Feinsten gezeigt. In der Zentrale der Deutschen Vermögensberatung habe ich noch etwas sehr Lustiges gesehen: Auf den Böden der Fahrstühle lagen Teppiche mit dem der Aufschrift “Freitag” und mir wurde erklärt, das diese Teppiche jeden Tag entsprechend gewechselt werden. An dem Ort gehen wohl 1/4 des gesamten versicherungs-relevanten Traffics in Deutschland rüber.
Die Stelle, für die ich mich beworben habe, ist eine Teamleiterstelle für ein Team von 4 Sysadministratoren, und habe dann irgendwie das Gefühl bekommen, das ich absolut chancenlos bin. Ich müsste mir in kurzer Zeit wahrscheinlich mehr Wissen aneignen als tatsächlich zu bewältigen wäre. Ausserdem müsste ich mein Leben total auf den Kopf stellen und alle Pläne für die nächsten Monate über den Haufen werfen, dafür allerdings einen Batzen Geld verdienen, was mir allerdings auch ganz gut tun würde. Die Verabschiedung war recht unterkühlt, deswegen denke ich, ich bin raus aus der Nummer. Ich bekomme am Montag endgültig Bescheid (habe ich bekommen).
Die Rückfahrt war ziemlich seltsam. Von Frankfurt nach Leipzig war ich ziemlich nachdenklich und leicht depressiv, weil mir wieder mal klar geworden ist, dass eine Menge ungelöster Probleme habe und mir langsam die Zeit davon läuft. Die Fahrt von Leipzig nach Dresden war dann allerdings ziemlich derb und ich kann nur sagen, dass ich grosses Glück hatte. Im Zug sass eine Gruppe Nazis, die mich ziemlich lautstark angepöbelt haben. Es ist aber nichts weiter passiert, ausser das mir wieder mal klar war, dass ich echte Probleme mit Gewalt habe. Das ist wohl schon ein Vorgeschmack auf Sonntag, wenn die Nazis zuhauf in Dresden aufschlagen.
Alles in Allem waren die beiden Tage sehr intensiv und haben durch mein persönliches mentales und emotionales Auf und Ab sehr viel Kraft gekostet. Trotzdem war es natürlich sehr interessant und lehrreich.